Jetzt quälen Golfkrieg und Ölmultis den Willy

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

09.09.2002

Quelle

Main-Rheiner

Autor / Interwiever

Klaus Mümpfer

Konstantin Wecker bleibt beim 3sat-Festival in Mainz der Gesellschaftskritiker alter Schule

Aus so einem Konzert kann man nicht wortlos hinausgehen, nicht stumm vor Andächtigkeit oder gar ergriffen. Nach einem Abend mit Konstantin Wecker hebt die Diskussion an, noch während die Zuhörer das 3sat-Zelt auf dem Mainzer ZDF-Gelände nach mehr als zweieinhalb Stunden verlassen. Der wortgewaltige Egomane aus Bayern, der ohne sein Publikum und dessen Bewunderung nicht auskommt, hat mit jener typischen Mischung aus sensiblen Liedesliedern und zynischer Gesellschaftsanalyse alle emotional aufgewühlt - ganz gleich, ob sie ihm nahezu hörig folgen oder seine politischen Attacken verletzend finden.

Es gibt vieles zu sagen, aber auch vieles zu fragen. Ist er denn wirklich ruhiger geworden - oder gar abgeklärter mit seinen nun 54 Jahren? "I werd oid" sagt er schon seinem zweiten Lied an diesem langen Abend. Doch man mag´s nicht glauben. Wenn Wecker seine Intimfeinde aufs Korn nimmt - die Kapitalisten, Imperialisten, Waffenhändler und Kriegstreiber - dann singt er noch immer mit der selben Wut, mit dem Einsatz von Körper und Seele. Wenn er seiner Hassliebe zu "America" freien Lauf lässt, den "Willy" mit Attacken gegen George W. Bush, den Golfkrieg und Ölmultis aktualisiert, dann ist er so aufregend maßlos wie eh und je.

Wecker kramt alte Songs hervor, die ihm wieder aktuell erscheinen, und zeigt dabei ein sicheres Gespür für die Erwartungshaltung seines Publikums. Die politischen Texte sind plakativ und gerade in dieser bildhaften Vereinfachung besonders mitreißend. Sie zielen erst in den Bauch und dann ins Hirn. Der spontane Szenenapplaus bestätigt ihn - den ewigen, aber auch ehrlichen und engagierten Rebellen. Er ist noch immer der Mensch, der nie "ungefähr" sein will, der seine Zuhörer auffordert, sich einzumischen und nein zu sagen. Wecker ist ein Moralist, der die Moral hasst.

"So atmest Du in jedem meiner Lieder, so lieb ich Dich." Der leicht gepresste Tenor des Liedermachers und Poeten bricht in den hohen Lagen des Gesangs, um dann wieder kraftvoll und voller Blues-Feeling herabzusteigen. Das ist die andere Seite Konstantin Weckers, die offenbart, dass er den Zynismus als schützenden Panzer um seine verletzliche und sensible Seele legt. Dass der aufbegehrende Provokateur sich zugleich nach Harmonie und Liebe sehnt. Mit Worten, die gemalt sein könnten, mit lyrischer Ästhetik, gesteht der Verführer Liebesfreud und Liebesleid. Melancholische Gesänge. Eben Blues.

In dem stilistisch dennoch offenen Spiel steht ihm eine jungen Band vorzüglicher Multiinstrumentalisten zur Seite: Jo Barnickel (Keyboard und Trompete), Gerd Baumann (Gitarre, Flügelhorn), Jens Fischer-Rodrian (Percussion, E-Bass) sowie Sven Faller (Kontabass). Die Arrangements alter Lieder wirken in den neuen Kleidern noch immer kammermusikalisch, mit ihren verzierenden und vibratoreichen Gitarrenläufen, pulsierender Percussion, einzelnen straight gezupften Basslinien und vor allem den filigranen Keyboard-Teppichen, die sich so gut unter Weckers Pianoläufe legen, aber frischer und jazziger.