Das Gesamtkunstwerk Konstantin Wecker lebt

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

22.04.2002

Quelle

Heilbronner Stimme

Autor / Interwiever

Kilian Krauth

23.15 Uhr. Konstantin Wecker, Jo Barnikel, Gerd Baumann, Jens Fischer-Rodrian und Sven Faller hatten die Bühne eigentlich schon vor einer Stunde verlassen.

Aber die Fangemeinde im knapp zur Hälfte gefüllten großen Saal der Harmonie gibt einfach keine Ruhe, fordert Zugabe um Zugabe. Und tatsächlich überredet der nimmermüde Meister nach drei tiefen Verbeugungen seine Kollegen zu einem letzten Lied.

"Jetzt möchte ich Dir endlich einmal danken, dass Du mich so lang ertragen hast." - "Meint der nun seine Frau, seine Mutter, oder gar uns?", fragen sich viele Fans, die dem Dichter am Bühnenrand an den Lippen kleben. Was soll´s? Um 23.25 Uhr geht das Licht an, Übervater Wecker vergisst nicht, einem kleinen Mädchen, nur wenig älter als sein fünfjähriger Sohn Valentin, über die Wange zu streichen.

Perfekte Harmonie?

Wer nun denkt, dass der bald 55-Jährige nach Gründung seiner Familie, Drogenentzug und jeder Menge Kinderliedern sich ganz aufs Private zurückgezogen hätte, irrt. In seinem über dreistündigen Heilbronner Gastspiel zeigte sich der unverwüstliche Münchener am Samstag politisch und frech wie zu besten Sturm- und- Drang-Zeiten.

So war es neben "Vaterland" seine legendäre 68er-Hommage " Willy", in die er aktuelle Politik und persönliches Polit-Credo verquickte. Nach dem 11. September sei "das Land geistig und sprachlich nicht wieder zu erkennen".

Über viel beklatschte Anti-Bush-Töne und die bewährten Watschen gegen Waffenhändler, Banker, Fond-Manager und sonstige Experten, appellierte Wecker: "Man muss immer bereit sein, sein Weltbild in Frage zu stellen."

Bei dem abgespeckten Bauchmensch hat man "das Gefühl", seines hätte sich, im Gegensatz zur Welt, seit den 70ern kaum verändert. Die politische Analyse ist Weckers Stärke nicht. Sein demagogisches Talent ist beachtlich ("Sag´ nein!") - aber angesichts des satten Publikums weder für Stoiber noch für Schröder bedrohlich.

Als Soziologe ("Zigeuner san kummä") trifft er dafür ins Schwarze. Am besten ist der Gefühlsmensch in der Beschreibung von Seelenzuständen. Von "Ich lebe immer am Strand" über seine Liebeslieder, den Wehdam-Blues bis hin zu "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist".

Dass der hoch musikalische und köstlich geistreiche Liedermacher nach wie vor so gut rüber kommt, hat er auch seiner perfekten Band zu verdanken. Kongenial jagt Wecker mit Jo Barnikel die Klaviertasten rauf und runter.

Sven Fischers Bass fetzt so richtig fett. Wirklich stark auch, wie Jens Fischer-Rodrian Drums und Zupfinstrumente im Griff hat.
Gitarrist Gerd Baumann kann es mit jedem Spanier aufnehmen. Seinen je nach Bedarf lyrischen, jazzigen, rockigen oder rappigen Arrangements ist es neben den kräftigen Texten zuzuschreiben, dass das quicklebendige Gesamtkunstwerk Wecker nichts von seiner Faszination eingebüßt hat.