Nach fünf Jahren Abstinenz kommt Konstantin Wecker jetzt heim auf die Bühne

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

22.04.2002

Quelle

Straubinger Tagblatt

Autor / Interwiever

Eva Maria Fischer

Konstantin Wecker hinterfragt auf seiner "Vaterland"-Tournee Nationalismus, Kapitalismus und stets sich selbst. "Wenn die Börsianer tanzen/ Heben sie verzückt das Bein. Lassen dann in den Bilanzen/ Auch mal Fünfe grade sein. Manchmal springen sie aus Fenstern/ Wenn der Dow Jones kräftig fällt. Dann gehör´n sie den Gespenstern/ Der Betrognen dieser Welt. Meinetwegen soll´n sie springen. Muss nicht nur ein Freitag sein. Wünsche glückliches Gelingen/ Und mir fällt ein Grablied ein: Wenn die Börsianer tanzen...".

Konstantin Wecker verfasste diese makaberen Strophen zur fiebrigen Federboa-Melodie lange bevor Menschen aus dem New Yorker World Trade Center einen verzweifelten Anlauf in den Tod nahmen. Süffisante Kapitalismuskritik und Amerikaschelte - der bairische Bluesbarde kann das Repertoire seiner aktuellen CD nicht mehr so sorglos locker aus sich herausgrooven lassen, wenn er am 13. Oktober seine Gastspielreise durch Deutschland in Bielefeld antritt. Die geplante karnevalsartige Promenade durch die Massen ist trotz aller ironischer Distanz nicht mehr durchführbar.

Wecker will sich wieder einmischen mit deutlichen politischen Aussagen. "Vaterland" heißt sein Titelsong, ein "schlammschlachtartig in Wahlkämpfen missbrauchtes Wort". Zitiert mit Inbrunst Arthur Schopenhauer: "Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen". Dennoch ist das Lied keine Anklage, sondern ein Versuch zu (hinter-)fragen, was ihm sein Vater bedeutet, was für ihn letztlich "daheim" ist. Nach fünf Jahren Abstinenz - vom Kokain und von selbst getexteten Liedern - kommt er jetzt heim auf die Bühne: Eigene Sprache, im Therapieprozess war sie noch schwer zu formen. Eigener Rhythmus, heraus aus dem Teufelskreis der Sucht. Eigene Melodien, die Seele singt wieder, sucht Resonanz.

Heimat ist für ihn zuallererst der Kindheitsbezug. Die Wohnung am Münchner Mariannenplatz 1 im vierten Stock, wo er seine ersten 20 Lebensjahre verbracht hat. Baden in der Isar. Auf der Insel am Wehrsteg dösen; in seiner Erinnerung war es immer Sommer. Die "scheinmittelalterliche" Architektur der Lukaskirche am Lehel. Denn Wecker hält es mit der Religion. Er fühlt sich aus Tradition ans Christentum gebunden, bewundert die Ethik Eugen Drewermanns, die er bei einem Symposium der Albert-Schweitzer-Gesellschaft kennengelernt hat. Der Theologe und Psychotherapeut hat ihn zu seinem Lied "Willi III" angeregt und es mit Rat und Radikalität begleitet. Es ist nicht Weckers erste öffentliche Auseinandersetzung mit Glaubensfragen. Sein auf dem ersten Blick nicht gerade amtskirchentreues Gebet "Lieber Gott", das ein Betrunkener an ein Pissoir gelehnt lallt, wurde mittlerweile als Diskussionsstoff in den Lehrplan für katholische Religionslehre aufgenommen.

Nach Weckers Flucht in fragwürdige Glückssurrogate predigt er heute Contemplatio. Zur Selbstfindung gehört für ihn der reflektierte Umgang mit Vertrautem, besonders mit der eigenen Mundart. Er schürft nach vergrabenen Wortschätzen, wird gleichzeitig bei seiner Mutter und bei Oskar Maria Graf fündig: Und so hat ihn der "Wehdam", die Schwermut, der Weltschmerz, der Blues. Ein ungeheures Lied, manisch-depressiver, selbstironischer, bis zur Heiterkeit getriebener nihilistischer Nonsens. Der 54-Jährige schaut keineswegs mehr "oid" aus, da er sich selbst gegenüber zugibt: "I werd oid... und wia ma des gfoid, nimma jung sei mit Gwoit, schaugts mi o - i werd oid" - Und weil er eines nicht verheimlicht: "Meine Lieder waren oft klüger als ich".