Der Ton ist moderater geworden

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

23.04.2002

Quelle

Kurier Wiesbaden

Autor / Interwiever

Peter Müller

Lisa Fitz schrieb er zu deren Fünfzigstem: "Liebe Lisa, sei nicht deprimiert. Mit fünfzig hatte ich mein Lebenswerk abgeschlossen. Jetzt beginnt das Überlebenswerk". Klingt ein wenig nach entspannter Altersweisheit, ist es auch. Und es beschreibt einen alten/neuen, sichtlich relaxten Konstantin Wecker, der nicht weniger kritisch, aber doch ruhiger, entspannter, auch poetischer geworden ist. Die große Ekstase scheint vorbei, das Hausieren mit der verko(r)ksten Vergangenheit ebenfalls. Das ist gut so. Wer ihn noch auf seiner letzten Tour durch Mehrzweck- und Turnhallen - nur kurz nach seinem fünfjährigen Gerichtsmarathon - in plakativer Selbstironie hektisch um Reputation buhlen sah, der kam mit gemischten Gefühlen in die fast ausverkaufte Phönixhalle. Die getreuen Wecker-Fans aber, ein Großteil mit ihm alt Gewordene, aus jener 68er-Gemeinde, die einst mit Joint und Hanf-T-Shirt dem sehnsüchtelnden Maso-Poeten lauschte, der ihr das Credo der politisch unkorrekten Generation vorexerzierte, lieben ihn ob seines exzessiven Lebens wohl noch inniger. Wecker hat immer Texte gepredigt, die klüger waren als er. Jetzt, wo er sich zäh und diszipliniert seine Balance zurückerkämpft hat, wirkt er glaubhafter, authentischer denn je.

Er ist also wieder zurück, nach einem Brecht-Programm, einem vertonten Kinderbuch und seiner "Leben in Liedern"-Reanimationstournee, nun endlich mit neuen Songs und dem aktuellen Album "Vaterland". Diese erste Alterswerk trägt musikalisch die Handschrift einer Band, die den fauchend-fluchenden Wecker der frühen Jahre nur aus der Überlieferung kennt. Die Formation um Jo Barnickel (Keyboard/Bass) und Jens Fischer (Percussion/Gitarre) hat ihm frische Arrangements verordnet, jenseits einer sicheren Retro-Show für ältere Semester das Repertoire mit Jazz-, Blues- und mutigen experimentellen Rhythmen erheblich vielseitiger werden lassen.

Dass Wecker der zornige Intellektuelle geblieben ist, ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen Rechte und Rassisten, gegen Blasiertheit und Lethargie, verwundert nicht. Ignoranz, Deutschtümelei, Verlogenheit und Unrecht - das waren und sind seine Themen, nur der Ton ist moderater geworden. Nicht minder kritisch, aber ohne Zynismus, eher schon die eine, seine Wahrheit suchend, macht sich Wecker in "Vaterland" auf die Spur des quälenden Grausens über diese elenden modernen Zeiten. Er ächtet seinen Lieblingsfeind George W. Bush und dessen Amerika, das Imperialismus als Terrorkriege verkauft, er klagt "Trauermanagement" an, besingt noch immer stürmische Wiedervereinigungs-Zeiten, kritisiert Betroffenheitsdealer oder frönt der Schwermut ("Alles das und mehr"). Die Hommage an Hanns Dieter Hüsch ist da schon eher Beleg für seine neue Besinnlichkeit. Wecker will kein Moral-Apostel sein, ist es doch mit Haut und Haaren.

Sein Talking-Blues mit dem inzwischen unzählige Male erschlagenen Willy ist längst zu einem Höhepunkt der "Vaterland"-Konzerte avanciert: Ein bayerischer Blues - diesmal fast zwangläufig zum 11. September - der dem Publikum aus dem Herzen sprechen soll, das outet, was die unten so nicht sagen dürfen und, hart am Abgrund zum Populismus, harsch kommentierend, was gerade auf der Welt passiert. Wecker hat keine Rezepte, er will sich dennoch wieder einmischen. Lösungen gibt es nicht, umso mehr Applaus.