Tangotanzend gießt er ätzend seinen Spott aus

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

02.05.2002

LEONBERG - Nachdenklich, provokant und beißend: Einen entflammenden Mix aus Politik und Poesie lieferte Konstantin Wecker am Dienstag in der Stadthalle. Auf seiner "Vaterland"-Tournee pflegt der bayrische Liedermacher vor einem hingerissenen Publikum die Kultur des politischen Liedes. Von Guntram Zürn, Leonberger Kreiszeitung, 2.5.02

Er räumt auf mit dem Wegsehen und dem Weghören. Konstantin Wecker verbindet den Blues seiner ausgezeichneten Band mit ostentativ unorthodoxen politischen Botschaften. Er hinterfragt und singt, wobei er seine Auftritte zumeist mit einem Sprechgesang einleitet. Diesen untermalt er am Flügel mit wenigen Bluesakkorden. Nasal rollt der Bayer sein "R", und geschickt schichtet er seine Worte dabei um den klingenden Buchstaben. Manchmal bricht seine Stimme, doch ist ihr Klang eingängig und charakteristisch. Mit Sprachwitz hat Konstantin Wecker seine Texte sorgsam getränkt, und in wechselnder Stimmung serviert er entweder mit Schwung oder in gedankenvoller Melancholie seine Reime und Sentenzen.

Glaubwürdig machen den Liedermacher dabei ganz verschiedene Faktoren. Obwohl er seit 1972 mit seiner ersten Langspielplatte "Die sadopoetischen Gesänge des Konstantin Amadeus Wecker" im Geschäft ist, besteht sein Publikum zu einem Großteil aus jungen Zuhörern. In Sätzen wie "Meine Lieder waren oft klüger als ich" spiegelt sich eine im Konzert erfahrbare Selbstironie. Doch die Hingabe, die der Musiker ausstrahlt und mit der er seine Zuhörer gefangen nimmt, ist wohl der eigentliche Garant seines gelungenen Auftritts. Konstantin Wecker debattiert jeden Tourabend neu und aktuell zornig am Flügel im Selbstgespräch mit seinem verstorbenen Freund Willy über aktuelle politische und gesellschaftliche Fragestellungen. Zentral war am Dienstag das verkehrte "Trauer-Management" der Medien nebst Weckers Dauerbrennern, dem Nationalismus und der Kapitalismuskritik. Dem tritt der Liedermacher mit seinem warmen Bekenntnis zur Liebe entgegen. Mit einnehmender Ausstrahlung preist er zart das Leben mit seinem Song "Das Leben währt nur einen Sommertag".

Dabei kitzelt sein Witz, seine offene Selbstironie fordert heraus und seine Amerikakritik entfesselt gerade auf Grund der Schrecken des 11. September das politische Denken. Der treffende Spott über "Dabbeljuh Bush" steht dabei neben Achtundsechziger-Devisen wie "Lass es raus" oder "Kein Krieg kann je gewonnen werden". Dies geht mit der wie Säure ätzenden, flott gereimten Analyse der Geißel des Terrorismus eine treffend aktuelle Verbindung ein. Viele werden seine Ansichten nicht teilen, an seinem Nachdenken einiges kritisieren wollen, doch füllt der bayrische Barde mit hoher Qualität in Musik und Text eine klaffende Lücke in der Debatte um Afghanistan: Mit Geradlinigkeit stellt er mit gefestigtem Standpunkt und Menschenbild brisante politische Fragen.
Mit einem "Tango" für die Waffenhändler und einem Blues über den "Wehdam", ein bayrisches Synonym für die Schwermut, arbeitet der Künstler mit einfachen, wirkungsvollen Kontrasten. Musikalisch übermütig hängen seine Band und er Swing- Rhythmen an Balladen, Blues folgt auf musikalische Zitate von Pink Panther bis Kurt Weill. Jazzige Atmosphäre schafft vor allem der Pianist Jo Barnikel, und für mitreißenden Beat sorgt am Schlagzeug temperamentvoll Jens Fischer-Rodrian.