Ganz der Alte - nein, viel mehr

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

02.05.2002

Quelle

Schwäbische Zeitung

Autor / Interwiever

Andrea Schneider

FRIEDRICHSHAFEN - "I werd oid, i glaub i werd oid" (wie wir alle) - "und wia ma des gfoid" - na, Gott sein Dank endlich mal einer, der darob nicht lamentiert, möchte man denken. Zeit dazu bleibt aber kaum, weil der sympathische Mann am Klavier Konstantin Wecker heißt und gerade wieder dabei ist, auf seiner Vaterlandtour die Menschen im GZH mit seiner Musik zu verzaubern.

Zwei, drei Akkorde - hin und weg ist man wie damals, als man gerade das "Liederbuch" entdeckt hatte und von so viel Musikalität und hinreißendem Schmelz glatt umgeschmissen war, von dieser unendlichen Schubertschen Süße, den Klaviermodulationen, den leicht verrückten, aber höchst poetischen Texten und der unglaublichen Intensität - alles da, wie ehedem, durch den herben Reiz der Jahre sogar schöner geworden.

Denn an musikalischer Kompetenz hat er hinzugewonnen. Die Stimme: nach kurzem Anlauf ausdrucksvoll wie ehedem (auch wenn der jugendliche Heldentenor einiges an Klarheit und Höhe eingebüßt hat), und natürlich beglückt er seine Fans mit dem "Blütenfall des Meeres" und dem "ganzen rötlichen Rom" - jubelnder Beifall brandet auf; ein paar Strophen nur, dann ist er wieder hier und im Jetzt.

Dazu hat er ja auch genug zu sagen. Einen Psychiater brauche er nicht mehr, kokettiert er mit seiner nicht nur angenehmen Vergangenheit: "Ich habe ja Sie." Seine schönen und weniger schönen Erfahrungen scheinen ihn politisch nicht gerade radikalisiert, aber doch "vereindeutigt" zu haben. Denn er bezieht rückhaltlos Position, etwa im "Dummen Bub", einer bösen Abrechnung mit TV-Privatsendern, schmerzhaft explizit in seinem langen, mit konzertantem Klavierspiel (hier schwieg die Band) unterlegten Pamphlet gegen Krieg, Gewalt und Terror, gegen die Arroganz der westlichen Kultur, gegen falsche Schlüsse aus dem 11. September - so direkt, dass man ganz betroffen ist. In kurzen Momenten wirkte das fast lamentös, wenn der Mann nicht so Recht hätte, auch mit seinem Appell an die politische Verantwortung des Einzelnen: "Ist das Böse wirklich nur außerhalb von uns selbst?" und: "kein Krieg kann je gewonnen werden!" - spontaner Applaus aus allen Reihen.

Und immer wieder freche Sprüche zur Lage von Nation und Welt, zu amerikanischen Präsidenten.

Daneben steht seine Fähigkeit, alle möglichen musikalischen Strömungen auf engstem Raume zu vereinen. Der liebenswerte Hang zu zartfühlenden Sextabstiegen ist ihm geblieben. Ansonsten ist der neue Konstantin Wecker genauso faszinierend wie der alte, anders halt, teilweise härter instrumentiert, stärker auf die Band ausgerichtet: Ein Wanderer zwischen den musikalischen Welten, zwischen Blues im "Wehdam" und Funk, zwischen Latino und Rap. Eine sehr persönliche Musik, anrührend oft in "Neben-"Stellen wie der Swing-Hommage an Hans-Dieter Hüsch oder der Jazz-Improvisation im "Waffenhändler-Tango".

Mit Jo Barnikel, Gerd Baumann, Jens Fischer und Sven Faller stehen Konstantin Wecker vier hervorragende Musiker zur Seite, die ihren Job mit bemerkenswert ruhiger und angenehmer Ausstrahlung machen, und er ist frei genug, ihnen immer wieder den Raum zu geben bis hin zu ihren Solonummern gegen Ende des Konzerts. Das kann er sich leisten, denn der Mann hat Talent, einen sprühenden Geist, und ein Grenzgänger ist er noch dazu. Dies alles wird sein Lebtag aus ihm dringen. Er wird jede Note, die er je vors Auge kriegt, auf der Stelle verwandeln, verzaubern, mit Esprit versehen. Ein einzig-artiger Liedermacher? Ein Geschenk!