Konstantin Wecker und seine Band gastierten in der Leonberger Stadthalle

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

04.05.2002

Quelle

Böblinger Bote

Leonberg - Tut mir Leid, Willy, dass ich dich noch einmal belästigen muss! Konstantin Wecker schlägt ein paar Akkorde auf dem Flügel an, dann ist es ganz still im Saal der Stadthalle Leonberg. Es herrscht Krieg, Willy, und das ist unser Krieg.

Und dann beginnt er zu erzählen, anzuklagen und zu appellieren. Mit dem lauten Nachdenken am Klavier entfacht er ein Feuerwerk der Courage. Wecker ist zurück. Und neben den alten Fans strömen vor allem junge Menschen in seine Konzerte: Ich habe gemerkt, wie sich gerade die Jungen wieder wünschen, politisch das zu hören, was in den meisten Medien nicht steht. Deshalb habe ich den Willy aus meinem Song noch einmal ausgegraben. Und erzähle ihm live bei jedem Auftritt, was gerade passiert, so erklärt Wecker selber diesen Talking-Blues mit Willy, mit dem alten Freund aus den 68ern.

Wecker rechnet ab, wütend. Rüttelt an Dabbljuh Bush und Amerika, stellt Fragen, die seinen Zuhörern aus der Seele zu sprechen scheinen: Ist man denn schon antiamerikanisch, weil man sich die gleichen politischen Sorgen macht wie vor dem elften September? Seine wortgewaltige Anklage, unterbrochen von spontanen Beifallsbekundungen, ruft aber, neben scharfer Kritik an der Bush-Politik und der Logik dieses unsinnigen Krieges, vor allem zur Zivilcourage und Menschlichkeit auf. Konstantin Wecker ist mit knapp 55 Jahren politisch wie nie. Er hat sich wieder gefunden und kann über sich selber lachen. Wenn er zusammen mit seinem Tanzlehrer, dem herausragenden Musiker Jens Fischer-Rodrian, der in der Band eigentlich für die Gitarren und Percussion zuständig ist, am Bühnenrand zu Reggae-Musik flott mit den Hüften wackelt oder sich auch schon mal bei manchen Liedern in der Strophe irrt, dann ist das immer authentisch, nicht aufgesetzt, Wecker ungeschminkt.

Er scheint sein Klavierspiel in den letzten Jahren noch perfektioniert zu haben, leicht und frei klingen die Akkorde durch den Saal und ergänzen sich mit seinem Klavierpartner am zweiten Tasteninstrument, Jo Barnikel, der auch die Vaterland-CD produzierte, zu einer explosiven Mischung, die jedes Konzert zu einem einmaligen Live-Erlebnis werden lässt. Vervollständigt wird die vierköpfige Band durch Weckers alten Weggefährten Gerd Baumann an den Gitarren und den neu dazugestoßenen Kontra- und E-Bassisten Sven Faller. Von Samba und Swing, über Chansons und Balladen, bis zu freakigem Jazz, HipHop und Rap. Die musikalischen Begleiter versprühen bei jedem Song eine mitreißende Freude, wenn Wecker seine, in Töne verpackte, Wanderungen von Liebe, Leid, Sehnsucht und Rebellion besingt.

CD Vaterland ist ein Spiegelbild unserer Zeit

Mit seiner neuen CD Vaterland ist dem Münchner ein beeindruckendes Spiegelbild unserer Zeit gelungen - fesselnde Lyrik, sprachgewaltig und zart, trotzig und verwundbar, voll Witz und Widerspruch. Sein Ort ist die Bühne, das Publikum sein Psychiater. Große Lyrik und spitze Pfeile hat er den Mächtigen dieser Welt entgegenzusetzen. Ist politisch nicht correct, wie auch das Buch zur Tournee heißt - Konstantin Wecker im Gespräch. Und sein Publikum dankt es ihm, denn er ist einer von ihnen, schließt sich selbst mit ein, wenn er das wir zitiert. Aber er scheint auch einen Schritt voraus. Denn Wecker sieht den Verfall der Werte und stellt dies an den Pranger, so dass jeder, auch die Chips-Esser im Publikum, die den Saal mit ihrem heimischen Sofa zu verwechseln schienen, es hören mussten, ob sie wollten oder nicht, Wer kämpft eigentlich noch gegen den Ausnahmezustand der benutzten Natur?. Aber er fragt auch erschreckend direkt und aktuell, nennt Namen, die uns aufhorchen lassen: Ist Bin Laden jetzt der Teufel, oder vielleicht doch nur ein ausgerasteter CIA-Agent?

Konstantin Wecker sucht diesen Weg bewusst, auch wenn er nicht der Moralapostel mit dem erhobenen Zeigefinger sein will, aber Lieder und Musik bringen ein Thema ins Herz. Es gibt viele wichtige Bücher und gescheite aktuelle Denker, aber deswegen ist das Thema noch nicht im Herzen der Menschen. Die Chance des Liedes ist es, politische Inhalte und Fragen ins Herz hineinzubringen, in die Emotionen und das Gefühl.

Doch er weiß auch: Noch hat sich nichts geändert, Willy, seit dem elften September. Es sei denn, wir ändern uns. Jeder von uns. Es sei denn, jeder von uns erkennt, dass wir als menschliche Wesen, in welchem Teil der Welt wir auch zufällig leben oder welcher Kultur wir zufällig angehören, voll und ganz für den Gesamtzustand der Welt verantwortlich sind. - Und da ist Wecker dann wohl doch ein Moralist, der er doch gar nicht sein will.