Sein Herbst hat offenbar noch viele heiße Tage

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

14.05.2002

Quelle

Badische Zeitung

Autor / Interwiever

Susanne Merkwitz

Konstantin Wecker im Freiburger Konzerthaus: Ernst und nüchtern wirkt der Sänger, doch wütender auch als ein Großteil seines Publikums

Eigentlich sind Wortspiele über das Kokainschnupfen ja spätestens seit dem "Fall Daum" streng verboten. Sonst könnte man über die neuen Songs von Konstantin Wecker recht treffend sagen, dass bei manchen auf den Schnee offenbar der Herbst folgt. Noch nie hörte man vom frühlingsfröhlichen, sommertrunkenen Wecker so viel über Melancholie und November, Schwermut und Tod. Schon der Titel der derzeit laufenden Tournee macht klar, dass den Zuhörer kein bunt-besinnlicher Best-Of-Abend mit den schönsten Hits aus 25 Jahren erwartet: "Vaterland" - das klingt besorgt, betroffen und staatstragend und ist auch genauso gemeint.

Natürlich, Wecker hat schon immer berufsmäßig gewettert gegen "die da oben", die skrupellos, selbstzufrieden und ewig-gestrig das Geschick der Welt von heute bestimmen wollen. Und dennoch: Das Freiburger Konzerthaus-Publikum erlebte einen Wecker, der so ernst und nüchtern, ja ernüchtert wirkte, wie nie zuvor; dem die schiere Verzweiflung über die weltpolitischen Entwicklungen nach dem 11. September ins Gesicht geschrieben stand - so ehrlich, dass es fast schon erschreckend wirkte. "Das Land ist geistig und sprachlich nicht wieder zu erkennen. Es herrscht Krieg", heißt es in seinem gesungen Monolog an "Willy", einer Wiederauflage eines Songs von 1976. Damals führte Wecker innere Zwiesprache mit dem linken Märtyrer Willy, der sich nicht den Mund verbieten ließ und dafür von Faschisten erschlagen wurde. Jetzt hat er sich gedanklich noch einmal an sein Grab begeben. Und was er ihm zu erzählen hat, über die "Politik, in der es keine Gefühle mehr gibt", klingt schon fast nach einer sentimental verklärten Erinnerung an eine Zeit, in der die kritischen Köpfe auf die Straße statt zur Arbeit gingen. Auch wenn bei alten kämpferischen Songs wie "Sage Nein!" immer noch eifrig applaudiert wird - es bleibt der Eindruck haften, dass Wecker heute wütender ist als ein Großteil seines Publikums.

Natürlich ist der Mann immer noch charmant. Wenn er hinter seinen Brillengläsern treuherzig mit den Augen klimpert und mit Inbrunst singend in die Tasten langt, hat er die Herzen im Zuschauerraum immer noch im Griff. Selbst das gesungene Bekenntnis "I werd oid", klingt da eher kokett denn müde. Eine Konzertlänge von über drei Stunden sorgte dafür, dass auch die auf ihre Kosten kamen, die vor allem in Erinnerungen schwelgen wollten. Viele Zugaben lang bekamen sie die schönen alten Lieder zu hören. Eine hervorragende, junge Begleitband mit Bass, E-Gitarre und Schlagzeug schaffte es, so manches viel Gehörte mit neuen Akzenten zu versehen und Wecker sogar mal zu hippen und hoppen Seitensprüngen zu verführen. Das war überraschenderweise nicht mal peinlich. Mag sein, dass Wecker dabei ist, alt zu werden. Doch sein Herbst hat offenbar noch viele heiße Tage.