Virtuoses Spiel mit Emotionen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

16.05.2002

Quelle

Volksbote Zürich

Autor / Interwiever

Elisabeth Hausmann

Nach mehreren Jahren Bühnenabstinenz ist Konstantin Wecker zurück - besser denn je. Im Volkshaus gab er am Dienstagabend das Abschlusskonzert seiner Tournee, zu der er letztes Jahr aufgebrochen war.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Jahre haben dem 55-jährigen bayrischen Künstler nichts anhaben können. Im Gegenteil. Er wirkt ausgeglichener als auch schon, entspannt und bis obenhin voll von Lebensfreude. Und dabei hat er nichts verloren von seiner kritischen Wachsamkeit. Volle dreieinhalb Stunden lang begeisterte er das Zürcher Publikum. Nach wie vor singt Wecker an gegen Verlogenheit und Ignoranz, gegen Rassismus und Unrecht. Plädiert für Mitgefühl, Frieden und durchaus handfeste Sinnlichkeit. Neu dazugekommen sind ein Schuss Selbstironie - etwa in "I werd oid" (alt) - und die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen zu Gunsten der vier Musiker Jo Barnikel, Gerd Baumann, Jens Fischer und Sven Faller.

Punkt acht Uhr betritt Wecker die Bühne. Rotes Hemd, Blue Jeans. Er verneigt sich vor dem Publikum, setzt sich ohne Umschweife an den Flügel und singt das Titellied seiner Tournee und des aktuellen Albums, "Vaterland". Und hat im Handumdrehen die Zuhörerschaft verzaubert.

Es folgen im lockeren Wechsel neueste Lieder, ältere und ganz alte. Einige hat Wecker vor mehr als 25 Jahren geschrieben, neu arrangiert und die Texte aktualisiert. Das Programm ist weit entfernt von einer nostalgischen Retro-Schau für die zahlreich erschienenen bereits angegrauten langjährigen Wecker-Fans. Etwa "der dumme Bub" aus den 70er Jahren: Er singe ihn heute "mehr aus der Sicht der Väter", sagt Wecker und lässt daraufhin ein Feuerwerk los gegen blut-, sex und quotengeile Privat-TV-Stationen, wo der dumme Bub seine berufliche Zukunft sieht.

Nach dem 11. September aktualisiert hat er auch seinen legendären, schon unzählige Male erschlagenen Willy. Der bluesige Sprechgesang ist eine flammende Anklage gegen jeglichen Terror, gegen Kriege, Ausbeutung, Heuchelei und Geldgier und ein Appell an jeden Einzelnen, seine Mitverantwortung für das Wohl der Welt wahrzunehmen.
Wecker spielt virtuos mit den Emotionen seiner Fans. Er beherrscht den Wechsel zwischen gefühlvoller Eindringlichkeit, schneidender Schärfe und umwerfendem Witz.
Sein schier unerschöpfliches Textrepertoire kombiniert er mit einer breiten Palette an Musikstilen, die von Tango und Walzermelodien über Jazz und Blues bis hin zu mutig experimentellen Rhythmen reicht. Haargenau im richtigen Moment weiss er jeweils das Publikum zurückzuholen, bevor es sich in schunkelndem Übermut verliert.
Nach zwei Stunden ist das offizielle Programm beendet. Aber Wecker wäre nicht Wecker, wenn er sich nicht zu einem fast ebenso langen Zugabenteil herausklatschen liesse. Die letzten Lieder ertönen, als im Saal längst die Lichter angegangen sind.