Nie war er so authentisch wie heute

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

16.04.2002

Quelle

Südkurier Baden-Baden

Autor / Interwiever

Uwe Spille

Welcher Künstler gibt eine geschlagene Stunde Zugaben für ein restlos begeistertes Publikum? Natürlich kein anderer als Konstantin Wecker, der gefallene und wieder aufgestandene Altmoralist der deutschen Liedermacherszene. Alt ist er in der Tat geworden, der ewig staatskritische, menschen- und vor allem selbstverliebte, polternde und poetische Barde aus Bayern.

Hans Dieter Hüsch, der im vergangenen Jahr abgetretene Großmeister des Kabarett, sagte einmal: "Was jammert ihr, dass es keine deutschen Dichter mehr gibt. Wir haben doch den Wecker". Dass Hüsch den bajuwarischen Berufsmelancholiker beeinflusst hat, gibt dieser auch gern zu. In seinem aktuellen Programm "Vaterland" hat er eine schöne Hommage an den in Pension gegangenen. Überhaupt, Vaterland. Dass dieser Begriff dem Liedermacher gehörig auf den Wecker geht, macht er in seinem ersten Lied mehr als deutlich. Ist hier ein Vater gemeint, der seine Kinder zum Bürger macht oder doch eher zum Untertanen? Zweites, stellt Wecker wütend-melancholisch fest. Dass der Wahnsinn durchs Land schleicht, konstatierte Wecker schon vor 15 Jahren, ist allerdings immer noch nachvollziehbar.

Gerade in heutigen Zeiten globaler Selbstgerechtigkeit. "Wenn die Welt auf dem Kopf steht, dann liegen doch Verrückte wie wir endlich richtig", so ist Wecker und sein Publikum liebt ihn für solche Sätze. "I wer old", das sieht man ihm an, auch seine Stimme ist altersbrüchig geworden, erreicht nicht mehr die Höhen wie früher, macht aber nichts. Wecker ist sich treu geblieben, nicht ohne an sein Alter den fälligen Tribut zu entrichten. Und das ist wohltuend, nie war er so authentisch wie heute, der Moralist, der die Moral hasst.

Dass er Stoiber nicht mag und von Schröder nicht viel hält, da reicht ein Satz, ums auszudrücken, mehr Worte muss man um diese Herren Politiker nicht machen. Was er über Amerika und "Djordsch dabbelju Bush" denkt, lässt manchen schlucken, die meisten jubeln. Wecker hält nichts von political correctness, haut rein wie kein anderer.

Der Unterschied zu einem PDS-Parteitag, auf dem Wecker genauso sprechen könnte und an den sein Konzert phasenweise erinnert? Einem Politiker nimmt man das Gesülze über Frieden, Gerechtigkeit und Moral nicht ab, dem Wecker Konstantin sofort. Der braucht auch keine Wählerstimmen sammeln, um sich dann, wenn er in Regierungsverantwortung steht, um sein Geschwätz von gestern nicht mehr zu kümmern.

In Weckers Dialog mit dem alten, totgeschlagenen Freund Willy lässt er das letzte halbe Jahr Revue passieren. Beklagt sich über ein "Trauermanagement", das Deutschland nach dem 11. September überrollte, 30 Millionen jährlich an Hunger sterbende Kinder jedoch vergisst, wen interessiert{lsquo}s auch. Wenn denn nun schon Eliteeinheiten gegen die "Achse des Bösen" in Marsch gesetzt würden, warum nicht auch gleich gegen die Deutsche Bank, die deutsche Waffenlobby oder Lichtenstein, so seine Frage in ein johlendes Publikum. "Die herrschende Meinung ist halt die Meinung der Herrschenden".

Wecker wäre nicht Wecker, würde er nicht mit seiner Vergangenheit kokettieren. "So ausschließlich nüchtern betrachtet wird nicht alles leichter", solche Anspielungen lassen ihn gut ankommen bei seinem mit ihm in die Jahre gekommenem Publikum. Und als er dann "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" intoniert, fallen einige ebenfalls älter gewordene Frauen schon mal fast in Ohnmacht vor Juchzen.

Wecker kann{lsquo}s nicht lassen. Er mischt weiter kräftig mit und sagt seine Meinung, ungeschminkt, mit einer ganzen Menge Leben. Gibt weiter alles für sein Publikum, auch wenn manche vor Schluss dann doch erschöpft von dannen wanken.