Unüberhörbares Wecker-Läuten

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

16.04.2002

Quelle

Schwarzwälder Bote

Villingen-Schwenningen (sie). Das war er wieder, der alte und dennoch neue Konstantin Wecker. Er war ganz der Alte, weil es der unverkennbar politische Auf-Wecker war, der Mut macht und es auf Ermutigung anlegt. Zu erleben war in der nicht ganz ausverkauften Villinger Tonhalle aber auch ein bayerischer Liedermacher mit neuen, nachdenklichen, melancholischen Tönen. Treu geblieben ist sich der 54-jährige Musiker aber insofern, als er sich bis zur Erschöpfung verausgabt und erst nach sechs, sieben Zugaben die Bühne nach 23 Uhr verlässt.

Sein Programm "Vaterland", mit dem er aktuell tourt, ist so politisch wie lange keines mehr. Auch nach dem 11. September stellte er sein Programm nicht um und verzichtete auch nicht auf US-kritische Songs. Wecker bezieht vehement Stellung gegen den Krieg und die Militarisierung der deutschen Politik. Weit überzogen geriet aber seine persönliche Verunglimpfung des amerikanischen Präsidenten: "Der wäre uns erspart geblieben, hätte man in Texas abgetrieben." Weitaus berechtigter ist da schon seine Kritik des verschwenderischen American-way-of-Life mit dem Herr-im-Hause-Standpunkt und dem unbedingten Willen, partout und überall Weltpolizist zu spielen.

Kurz verweilt er zuvor bei Erich Kästner und dessen Kritik des Kapitals, um anschließend mit "Wenn die Börsianer tanzen" endgültig den Zeiten der New Economy den Marsch zu blasen. Er versprüht musikalisches Gift über ein Marktsegment, das selbst in der Wirtschaftspresse fast nur noch mit getürkten Zahlen und Bilanztricksereien von sich reden macht. Gleich als ersten Song thematisiert er in "Vaterland" die Problematik eines Begriffes, den er - nicht nur im Zeichen der Globalisierung - ablehnt.

Das alles klingt zu sehr nach Belehrung und erhobenem Zeigefinger, wäre da nicht jener andere Wecker, der die Schatten- und Nachtseiten auch der eigenen Existenz beleuchtet. Nachdem er sein Lebenswerk mit 50 Jahren abgeschlossen habe, beginne nun sein Überlebens-Werk, scherzt er. Hat sich diese Urbild eines bayerischen Mannes früher die Nächte nur so um die Ohren geschlagen, steht er nachts heute meist nur noch "zum Pisseln" auf, bekennt sich dennoch frohgemut zum eigenen Altern. Er hat den "Wehdam", jene bayerischen Version des Blues und des Herumgrantelns, für den sich Wecker bei dem Münchener Exilliteraten und Brecht-Freund Oskar Maria Graf den Begriff entliehen hat.

Das durchweg etwas ältere Publikum schätzt es, wenn jene Lieder erklingen ("Ich lebe immer am Strand", "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist") mit denen Konstantin Wecker vor rund 20 Jahren als Liedermacher bekannt wurde.

Zum Gelingen dieses bemerkenswerten Konzertes tragen nicht zuletzt die vier jungen Musiker bei (Jo Barnikel: Klavier, Gerd Baumann: Gitarren, Sven Faller: Bass und der ausgezeichnete Jens Fischer: Gitarren, Percussions), die Wecker gelegentlich zu Arrangements mit sehr viel Drive und auch zu Tanzeinlagen nötigen. So entsteht ein vital jazziger Sound mit musikalischen Wanderungen zwischen hartem Zweiviertel- und frechem Dreiviertel-Takt, die sehr zeitgemäß sind. Es war rockiger, rappiger als früher, das tat dem Ganzen gut. Konstantin Wecker ist zwar nicht mehr ganz der Alte, sich selbst und seinen Themen ist er erfreulicherweise treu geblieben. Das Wecker-Läuten jedenfalls war nicht zu überhören und ist hoffentlich nicht so leicht abzustellen.