Schrecklich unvernünftig sein

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

16.04.2002

Quelle

Mannheimer Morgen

Alle, die ihn lieben, halten ihn für einen Sponti und Gefühlsmenschen, für ein genialisch-impulsives Mannsbild, schnurstracks immer seinen Eingebungen folgend. Doch Konstantin Weckers Mannheimer Konzert zeigt andere Facetten des barocken Bajuwaren:

Er ist offenkundig auch ein Arbeitstier, ein Disziplin-Fanatiker. Ein knappes halbes Jahr befindet er sich jetzt - mit Unterbrechungen - mit seiner jungen Band auf (Knochen-) Tour durch Deutschland. Wer ihn vor vier Monaten in Heidelberg erlebt hat, spürt im Musensaal des Rosengartens, dass selbst Wecker nicht den Ritualen, Wiederholungszwängen des Konzertbetriebs entrinnen kann.

Und doch: Nicht das fast wortidentische Recycling vieler Gags und Ansagen von damals prägt den Eindruck, sondern die bemerkenswerte Frische solcher Wiederholungstaten. Wecker macht das Beste draus und trotzt den Widrigkeiten, was bei ihm ja generell der Fall ist - ob privat, beruflich oder auch politisch. Dröges Jammern gilt nicht. "I werd oid", singt Wecker, doch was macht das schon, so lange man tief drinnen im ergrauten Schädel noch hellwach ist? Und auch der weißblaue "Stoiber-Blues", der seiner Ansicht nach recht bald zum "deutschlandweiten Phänomen" zu werden droht, kann einen Wecker letztlich nicht zu Boden drücken.

"Willy", seinen ältesten und größten Hit, nutzt er als Plattform für eine Art Grundsatzrede. Die politische Entwicklung seit dem Terroranschlag von New York versucht er darin zu skizzieren. Hier zu Lande stellt er einen rätselhaften Drang fest, "öffentlich und medienwirksam" seine Trauer zu bekunden. International befürchtet er, dass "jeder Einmarsch jetzt zum Antiterrorkampf" veredelt werden soll. Das sehe man zum Beispiel auch in Israel. Dass dort tatsächlich Attentate zu beklagen, Mörder zu verfolgen sind, bestreitet Wecker nicht - "aber ein Krieg macht diesen Terror doch nur schlimmer". Da droht Wecker leider wieder Recht zu haben.

Er bemühe sich ja nur um einen klaren Standpunkt, sei im Übrigen kein Moralist, beteuert er. Aber in dieser Hinsicht wird man Wecker wenig Glauben schenken können, denn "Moral" vermitteln seine Liedtexte durchaus. Nur tun sie es mit Lust, Humor und Augenzwinkern. Wie im "Waffenhändler-Tango" und der zeitgeistmäßig aufgepeppten Trash-Version der populären alten Nummer "Der Experte" (für "gesunde" Härte). "Ein erstaunlich aktuelles Lied", sagt Wecker, und er sagt es mehr als ein Mal im Verlauf des Mannheimer Konzerts.

Den Rücken hält ihm eine Band frei, die am Ende einer Kräfte zehrenden Tournee erstaunlich und erfreulich wenig ausgebrannt erscheint: Jo Barnikel, Jens Fischer-Rodrian, Gerd Baumann und Sven Faller sind flexible junge Männer, die diverse Instrumente spielen und fast jeden Stil und Tonfall imitieren können.

Einen Swing-Titel Hanns-Dieter Hüschs ("In jeder Leiche ist ein Kind versteckt") versieht Konstantin Wecker mit einer zwar kurzen, aber eindrucksvollen Scat-Einlage. Mit Jens Fischer-Rodrian versucht er sich sogar gekonnt im Hiphoppen. Um Zugaben muss man nicht lange bitte. "Laß uns schrecklich unvernünftig sein", singt er - und man möchte ihm gern folgen. Woher nimmt er bloß die Energie?