Ich hab´ einen Neonazi umarmt, der hat daraufhin politisch umgedacht

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

19.04.2002

Quelle

Kurier Wien

KURIER: Nach U-Haft und Selbstentzug im Winter ´95 gibt´s mit der CD "Vaterland" erstmals wieder neue Wecker-Lieder. Haben Sie sich in den Jahren dazwischen nie zum Schreiben gezwungen? Allein schon, um den Erwartungen der Fans gerecht zu werden.

WECKER: Doch, aber es sind hauptsächlich Gedichte rausgekommen. Sehr intime, sehr private, sehr feine, sehr spirituelle. Aber das wäre nie etwas gewesen, um es auf die Bühne zu tragen. Bei Liedern und bei Lyrik - nicht bei Prosa oder Essays - warte ich, dass etwas aus mir raus kommt, das mir Dinge über mich erzählt. Das hab ich jetzt wieder. Ich bin wieder ein Stück Wissen um mich reicher.

Kritiker jubeln, dass der neue Wecker wieder ganz der alte sei. Bloß stimmt das ja nur bedingt, denn der neue Wecker ist ein gesunder. Wie ist das heute auf der Bühne, so ganz ohne Kokain? Ist das Empfinden und Erleben der eigenen Texte ein anderes?

Ja, ich seh´ alles weniger euphorisch. Und interessant ist, dass ich die letzten Jahre meiner Suchtkrankheit nur aus dem Schmerz heraus geschrieben habe. Auch die Konzerte waren sehr, sehr schmerzhafte Erlebnisse. Jetzt ist es nicht mehr aus dem Schmerz heraus, dafür schreibe ich über ihn. Bestes Beispiel auf der neuen CD ist Alles das und mehr, wo es um die Schwermut geht. Da erfahre ich von mir, dass ich immer schon schwermütig war, es aber nie zugelassen habe. Das tue ich jetzt, und deshalb führt die Schwermut auch nicht zur Depression.

Immer wieder auf die Sucht angesprochen zu werden, wie sehr nervt das?

Kaum, außerdem nenne ich meine Sucht lieber Krise. Unsere Gesellschaft, die ist süchtig. Wir können mit fast nichts mehr umgehen, nicht nur mit Drogen nicht. Wir können mit Fernsehen nicht umgehen, wir können mit dem Kaufen nicht umgehen. Wir versuchen dauernd, uns davon abzulenken, auch nur eine Stunde mit uns selbst in der Stille allein zu sein. Aber das sollten wir. Egal, ob man meditiert, betet oder einfach nur da sitzt. Still muss es sein. Weil nur in der Stille erfahren wir, dass in uns noch etwas anderes wohnt. Nur auf diese Weise kann man Sucht überwinden. Und nicht, indem man sie mit etwas anderem ersetzt. Das funktioniert nicht, das ist eine neue Sucht. Einfach die Wirklichkeit in sich und dann die Schönheit des Daseins entdecken.

Im Pressetext zur CD sagen Sie, dass es "gerade jetzt so wichtig wäre, politisch wieder Flagge zu zeigen". War es denn nicht immer schon "gerade jetzt" wichtig?

Ja, aber als ich begonnen hab´, Lieder zu schreiben und zu singen, haben noch sehr viele Flagge gezeigt. Und mit dem "gerade jetzt" meine ich, dass wir im Krieg stehen. Deutschland ist eine Nation, die im Krieg ist" Da kann man nichts anderes sagen. Ihr seid nicht in der NATO, ihr habt das Problem nicht.

Wie ist das gemeint: "Im Krieg"?

Durch die Solidarität mit NATO und den USA steuern wir einer Militarisierung zu. Verteidigungsminister Scharping hat gesagt, dass man bei Krisen noch früher militärisch eingreifen sollte. Das geht Hand in Hand mit dem Dossier in Amerika, den möglichen Einsatz von Atomwaffen zu prüfen. Und wenn Präsident Bush meint, dass Länder, die das Leben nicht respektieren, Waffen des Todes nicht in der Hand haben dürften, dann muss ich sagen: Als Erstes dürfte Amerika keine Waffen mehr in der Hand haben. Die waren es doch, die in Vietnam das Leben nicht respektierten und die die Atombombe geworfen haben. Was herrscht da für eine komische Logik vor? Wir sind dabei, die Welt auf den Kopf zu stellen. Wir bewegen uns nicht in Richtung globale Gerechtigkeit und nicht in Richtung Überleben der Menschheit. Das wäre doch Gebot der Stunde. Habt ihr überlegt, was Kriege neben menschlichen Schäden anrichten? Was die an Natur, an Lebewesen vernichten. Das ist kaum eine Erwähnung wert.

Wie beurteilt Wien-Freund Wecker die Lage hier? Und warum liebt er Wien so?

Wien ist so hinreißend schön, dass man einfach aus ästhetischen Gründen ein Fan sein muss. Zudem ist Wien eine Stadt, die sich nach allen Seiten hin öffnet. Und dann ist da der Umgang der Wiener mit dem Lied. Er hat eines, er hat das Wienerlied. Das verbindet uns. Und die Lage in diesem Land? Ich glaube, Haiders Ära ist vorbei. Und auch diese Regierung wird sich nicht ewig halten. Hoffentlich.

Auf "Vaterland" ist erstmals das Älterwerden Thema.

Ich bin auch das erste Mal alt geworden. Ich fühlte mich bis zu meinem 40. Lebensjahr als ewig Jugendlicher. Dann hab´ ich mich zehn Jahre in einem Graubereich bewegt. Durch Doping bin ich dem Alter weiterhin entflohen. Und dann wachte ich auf und war plötzlich 50. Also ich bin sehr schnell vom 20- zum 50-Jährigen geworden. Ich hatte keine notwendigen Übergangsphasen. Das war und ist hart. Das Alter konfrontiert einen mit Dingen, die man zwar vorher schon weiß, aber die plötzlich wirklich sind.

Wie erleben Sie denn Ihre Rolle als später Vater?

Unlängst, da hab´ ich den älteren der beiden Söhne, den fünfjährigen Valentin, so liegen seh´n, hab´ ihn angeschaut und hab´ plötzlich so etwas gespürt in mir, dass ich laut gesagt hab´: "Mein Gott, hab´ ich dieses Kind lieb" Das fällt dir ja nicht jeden Tag auf, weil der kann ja auch furchtbar nerven. Aber es gibt diese Momente, wo man von einer völlig neuen Liebe ergriffen wird. Das hab´ ich nie gehabt bei Frauen, diese Art von Liebe. Da ist etwas völlig Neues in mich hineingetreten. Diese Liebe ist etwas Aktives. Und wenn ich diese Liebe, die da in mir wohnt, weitergebe, dann erfülle ich damit mein Vaterdasein am besten. Ich kann´s nicht anders erklären.

Sind Sie auch streng?

Sehr wohl. Ich muss mir sogar oft vornehmen, dass ich milder und sanfter bin, irgendwann muss ich dann aber doch schreien, weil er mich so zur Weißglut treibt mit seinem Widerstand gegen diese, zugegeben relativ starke, Vaterpersönlichkeit. Durch meine Kinder hab´ ich jetzt aber alle Kinder lieber, sehe alle mit anderen Augen. Aber irgendwo spüre ich über Kilometer hinweg meine aus anderen herausragen und ein spezielles Band zu ihnen. Und das ist nicht nur, weil ich sie so gut kenne. Irgend etwas Komisches ist da dabei. Und ich fürchte mich fast davor - es klingt so nach Blut und Boden. Ich hoffe, dass ich nicht irgendwann meinem Vaterland gegenüber dieses Gefühl hab´. So ein undefinierbares Band.

Sie sagen, dass Sie erst beim Anhören der Lieder gemerkt hätten, dass nicht das Ich die Hauptrolle spielt, sondern Themen, die alle betreffen.

Das Ich spielt insofern nicht mehr die so große Rolle, da ich mein Ich nicht mehr so ernst nehme. Die Gefahr ist, sich zu stark zu identifizieren mit dem Ich. Denn dann nimmt man auch nicht wahr, wie sehr man projiziert. Wenn ich mein Ich zu ernst nehme, dann nehme ich auch die Tatsache, dass ich einen anderen für böse halte, ernst, und ich bin schwerer in der Lage, zu überlegen, dass der Blick auf den anderen stets ein Blick von mir ist. Und es sind meistens Dinge, die ich von mir auf diesen anderen verschiebe.

Schreiben Sie aus Ihrem Ich heraus?

Nein. Das Schreiben in den besten Momenten passiert nicht aus dem Ich, es wird nur durch das Ich transportiert. Jung würde unterscheiden zwischen dem Selbst und dem Ich. Das Ich ist wandelbar. Und das Ich ist auch beeinflusst von Kultur, von Eltern, von dem, was Du liest. Hinter dem Ich aber wohnt das Unvergängliche. Das ist nur zu entdecken und kaum zu beschreiben. Nur zu entdecken, indem man entweder als Schreiber spürt, da ist was rausgebrochen aus einem, oder indem man in die Stille geht. Und in diesen tiefsten Momenten beim Schreiben fällt mir auf, dass da nicht mehr der Wecker schreibt. Da kommt was, was selbst verblüfft, und das hat nichts mehr mit der Person zu tun.

Spiritualität93 ist etwas, wovon Sie oft sprechen.

Ja, seit ich meine wieder gefunden habe. Durch Sucht, und zwar durch jede Form von Sucht, geht sie verloren. Ich spreche bei Spiritualität aber nicht von Extasen und nicht von irgendwelchen mystischen Verzückungen, sondern ich spreche von einem klaren Zustand, einem Zustand der Identität mit sich selbst, einem Zustand, in dem man ursprünglich ist. Der ist auch mit Schmerz verbunden. Aber ich lasse den Schmerz zu, was das Leben nicht unbedingt leichter macht. Warum lenkt man sich so oft ab? Warum habe ich so lange so exzessiv gelebt? Warum lenkt man sich ab durch irgendwelche Substanzen, Doping oder einfach durch Menschen? Damit man der Tatsache, dass das Leben immer verbunden ist mit Krise, Schmerz und Tod entflieht. Das ist ein typisches Anzeichen dieser Gesellschaft: Sie will das Leben nicht so nehmen, wie es ist.

Der legendäre "Willy" ist ein Lied, das 25 Jahre alt und immer noch aktuell ist. Ist das nicht zum Weinen?

Ich habe nie gedacht, dass sich durch meine Lieder und meine Arbeit politisch etwas verändern würde. Nein, so blauäugig war ich nie. Die Aufgabe eines Künstlers soll sein, Utopien zu entwickeln und an einem Bewusstsein mitzuarbeiten. Denn ein Bewusstsein kann man ja nicht schaffen, Bewusstsein hat immer nur mit eigenen Erfahrungen zu tun, man kann es nicht lernen, nur erfahren.

Einen Menschen allerdings haben Sie vor vielen Jahren vor laufender TV-Kamera verändert. Politisch.

Stimmt. Einen Neonazi. Eine wunderbare Erfahrung. Ich habe mit einer Gruppe Neonazis diskutiert und einen gefragt, ob er sich vorstellen könnte, einen Schwarzen zu umarmen. Es hat den Bursch´ geschüttelt, so angewidert war er. Und dann wollte ein Journalist, der dabei war, von mir wissen, ob ich einen Neonazi umarmen könnte. Dann hab´ ich den Burschen umarmt, innig, und das dürfte für ihn einschneidend gewesen sein, denn wenig später hab´ ich erfahren, dass er deswegen politisch umgedacht hat.

Ein allerletztes Wort zum Thema Kokain. Nie mehr in Gefahr gewesen, zu naschen?

Ganz selten war ein Verlangen da, aber die innere Sperre ist zu groß.