Orkan im Opernhaus

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

20.02.2002

Quelle

Münchner Merkur

Es musste nicht erst zum Ende des Konzerts von "Stürmischen Zeiten" gesungen werden, um die Welle der Begeisterung überschwappen zu lassen. Durchs ausverkaufte Münchner Gärtnerplatztheater peitschte von Anfang an ein wahrer Orkan die Wogen hoch.
Dafür sorgten in einer Sonderveranstaltung der Reihe "Jazz im Gärtnerplatz" zwei alte Platzhirsche: Johannes Faber und Konstantin Wecker, zusammen mit Keyboarder Jo Barnikel. Drei erstklassige Musiker.
Eine gewaltig gute Mischung aus Jazz und Lyrik, Entertainment und Poesie, charmanten Spitzen und ehrlichen Worten. Man singt, swingt und bluest, variiert und improvisiert, untermalt, assistiert, begleitet jeweils den anderen. Zwischen "Hänschen klein" und George Gershwin ist alles möglich: das Freche und Gefühlige, das Jazzige und Songhafte, die tiefe Schwermut und das große Glück. Nur wer davon so überzeugend zu singen weiß wie Konstantin Wecker, ist glaubhaft auch in seinem Selbstverständnis als politischer Künstler. Der Sänger und Dichter ist sich treu geblieben. Und so sind dann doch - bei all der spielerischen Ausgelassenheit dieses Konzertabends, der das Haus erbeben ließ - die ernsten, kritischen Passagen die besten.

Richtige Weichenstellung schon im Auftakt-Lied mit der Frage "Was ist es nur, das Vaterland?" Und: "Wie schnell hat man ihm doch verzieh´n die Kriege und die Morde", um zum Fazit zu kommen: ". . . ein ganzes Land als Vater war schon immer eine Lüge". Vor der Pause dann der Song zum 11. September, unterlegt mit der Musik des alt vertrauten "Gestern haben´s den Willi begrab´n". Die Verneigung Weckers vor den Opfern des Anschlags.

Aber auch die Ohrfeige fürs "Trauer-Management in Deutschland" und dafür, dass niemand von Staats wegen weinte um die ermordeten Afrikaner in Somalia, die getöteten Iraker. In seiner scharfzüngigen Kritik ist Wecker von beeindruckender Dringlichkeit. Und das Publikum zwischen 17 und 70 dankt ihm mit frenetischem Beifall dieses Nachdenken über Amerika.