Wild, lebendig, ein Tier eben

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

12.04.2002

Quelle

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Autor / Interwiever

Sven Gächter

Am 17. April tritt Konstantin Wecker im Rahmen seiner "Vaterland"-Tournee in Wien auf. Der bayrische Lied-Berserker über Fischer, Scharping, Stoiber, Crack-Kicks und das Leben nach dem Absturz.

profil: Wird Edmund Stoiber der nächste Bundeskanzler?
Wecker: Ich hoffe nicht. Obwohl ein Stoiber als Kanzler wiederum den Vorteil mit sich brächte, dass es wieder eine Opposition auf der Straße gibt und die Menschen sich wieder ihrer außerparlamentarischen Möglichkeiten besinnen. Es ist doch erschreckend: In Friedenszeiten waren früher hunderttausende auf der Straße. Jetzt haben wir Krieg, und es geht kaum einer raus. Wenn wir den zivilen Ungehorsam nicht mehr haben, dann bleibt uns doch gar nichts mehr.

profil: Wo orten Sie den Ursprung dieser Politikverdrossenheit?
Wecker: Die Leute meiner Generation sind müde geworden. Zwar mit Bauchgrimmen, aber doch akzeptieren sie die Entscheidungen dieser rot-grünen Regierung. So nach dem Motto: "Eigentlich sind´s ja eh unsere Leut, die da oben sitzen. Die werden schon wissen, was sie tun."

profil: Schröder hat ja schon in seinem Wahlkampf immer von der "neuen Mitte", der Aufhebung des herkömmlichen Rechts-links-Musters, gesprochen -
Wecker: Wenn ich heute lese, dass die Deutsche Bank für das Jahr 2001 keinen Pfennig Steuer zahlt, frage ich mich: Wem ist diese SPD-Regierung noch alles in den Arsch gekrochen? Wie hörig muss eine Regierung der Wirtschaft und den Konzernen sein? Unter einer CDU-Regierung hätten wir wahrscheinlich auch keine anderen wirtschaftlichen Verhältnisse.

profil: Wie erklären Sie sich, dass sich im Gegensatz zu Österreich in Deutschland kein rechtes Lager ausgeprägt hat?
Wecker: Der Schönhuber war ja im Gegensatz zu eurem Haider nicht so fesch und so smart. Und natürlich wurde da rein prinzipiell viel von der CSU abgefangen. So gesehen hat diese Partei eine psychohygienische Funktion. Dass der Haider seine zahlreichen Ausflüge ins Irrationale wie zum Beispiel die Reise in den Irak unbeschadet überlebt, erinnert mich sehr an Franz Josef Strauß. Der hatte so wahnsinnig viel Dreck am Stecken. Ein Normalsterblicher wäre nach diesen Affären für die nächsten 50 Jahre stigmatisiert gewesen. Strauß stand aber am Ende da wie ein Heiliger.

profil: Sie leben viel in der Toskana. Wie sehr fürchten Sie sich vor Berlusconi?
Wecker: Ich vertraue da ganz auf meine italienischen Freunde. Im Gegensatz zu Deutschland sind die Intellektuellen in Italien ja nicht ausgestorben. Der letzte deutsche Intellektuelle war Heinrich Böll. Abgesehen von Leuten wie Roger Willemsen, Walter Jens und Horst Eberhart Richter. Aber die werden ja bei uns regelrecht totgeschwiegen.

profil: Sie werden gerne als Alt-68er bezeichnet. Fühlen Sie sich auch so?
Wecker: Ich hab halt ein bisserl mitdemonstriert. Aber in der Apo-Bewegung war ich nie drin. Mit den Ideologisierern hatte ich immer meine Probleme. In den Siebzigern wurden meine Konzerte gerne von marxistisch-leninistischen Gruppen gestört. Die sind dann mit den Worten "Hier wird nicht gesungen, hier wird diskutiert" auf die Bühne gestürmt. Die wollten mit mir noch einmal meine Texte durchgehen. Und wenn ich dann eines meiner Lieblingslieder, nämlich "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist", gesungen habe, wurde das als unpolitischer Kitsch ausgepfiffen. Als politischer Sänger wurde ich erst durch den "Willy" 1977 wahrgenommen.

profil: Sie sind 54. Mit dem Altwerden setzten Sie sich erstmals auf Ihrer aktuellen CD "Vaterland" auseinander. Haben Sie das Problem bisher verdrängt?
Wecker: Es stellte sich nicht. Bis zu meinem 40. Lebensjahr habe ich mich wie ein Achtzehnjähriger gefühlt. Durch Drogen und anderes Doping habe ich mir das Erwachsenwerden einfach verhindert. Als ich aus diesem Rausch erwachte, war ich plötzlich 50. Ein harter Schock, gepaart mit der schmerzhaften Erkenntnis, dass man nicht annähernd so besonders ist, wie man sich vorstellt.

profil: Sie haben einen offenen Brief an den Münchner SPD-Bürgermeister Ude geschrieben, als der eine Demonstration anlässlich der Nato-Sicherheitskonferenz im vergangenen Februar verboten hat.
Wecker: Ein unglaublicher Fauxpas. Bereits im Vorfeld wurden Verhaftungen ausgeschrieben. Da wurde ein Polizeiaufgebot mobilisiert, das an wandelnde Waffen erinnerte. Man kriegte echte Todesangst. Die haben sich meist jugendliche DemonstrantInnen via Videokamera rausgegriffen und sofort zu Boden geschmissen. Logisch, dass die sich gewehrt haben. Und dann haben wir sie gleich wieder, die linken Gewalttäter. Die größte Angst hat man natürlich vor dem gewaltfreien Widerstand. Weil dann gibt´s nix, worüber die Presse sich erregen kann.

profil: Einer dieser ehemals "linken Gewalttäter" bekleidet ja jetzt das Amt des Außenministers.
Wecker: Joschka Fischer ist der perfekte Politiker. Wie jeder Konvertit will er seine Sache besonders gut machen. Fischer hat sich für den Krieg entschieden und kann das durch seine rhetorische Brillanz in jedem Punkt rechtfertigen. Natürlich kann man ihn auch in jedem Punkt widerlegen. "Krieg ist immer das Ergebnis entsetzlicher Fantasielosigkeit", sagte Kafka. Und ein Land, das ich durch Krieg befreie, besetze ich ja gleichzeitig wieder. Gewaltfreiheit muss immer vom Stärkeren ausgehen. Warum scheißen wir diese Länder anstelle von Bomben nicht mit Lebensmitteln zu?

profil: Wie beantwortete Ihnen Ihr Freund Rudolf Scharping diese Frage?
Wecker: Gar nicht. Ich habe nicht mit ihm darüber gesprochen. Als er wegen seiner Mallorca-Geschichte so unter Beschuss geriet, versuchte ich ihn telefonisch zu erreichen. Aber es ist zugegeben schwierig, wenn ein Freund über Nacht zum Verteidigungsminister wird. Ich werde ihm aber nie vergessen, dass er in meiner schwersten Zeit zu mir gestanden ist. Er hat mir sogar einen Brief ins Gefängnis geschrieben.

profil: Wie konnte ihm die "Bin baden"-Affäre, wie die "FAZ" das so launig nannte, passieren?
Wecker: Ja, mei, der war halt verliebt. Das ist in Wahrheit so wurscht. Ist er halt gern schwimmen gegangen. Politiker sind doch bedauernswerte Individuen: Von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends haben sie uninteressante Termine. Und zwischendurch kriegen sie von Betreuern und Geheimdiensten die Welt gedeutet. Die haben doch in dieser Abgehobenheit überhaupt keine Chance, irgendwas zu reflektieren.

profil: Einen fast schmerzlichen Exhibitionismus haben auch Sie immer wieder an den Tag gelegt. Am Tiefstpunkt Ihrer Kokainsucht haben Sie die Presse zu ausgiebigen Rundgängen durch Ihre kaputte Psyche eingeladen.
Wecker: Ich hatte keine andere Wahl. Ich war so in meiner Selbstlüge verstrickt. Meine einzige Möglichkeit war, meine Sucht offen zu legen.

profil: Wie rechtfertigen Sie Ihre fünfzehnjährige Kokainsucht?
Wecker: Irgendwann bin ich an einem Ort gelandet, wo ich nie sein wollte. Abgehoben, umgeben von einer Crew von Schleimern. Der Wecker, der ist so lebendig, wild, ein Tier eben - Das hab ich denen und mir bis zum Exzess vorgespielt. In klaren Momenten habe ich gespürt, dass ich immer mehr eine Kopie von mir selbst wurde. Aber kaum war diese Klarheit da, habe ich sie wieder betäubt.

profil: Verhalf die Droge nicht auch zu ekstatischen Momenten bei Live-Auftritten?
Wecker: Selbst in den schlimmsten Konzerten, wo ich eigentlich schon völlig weggetreten war, gab es noch hinreißende Augenblicke der Ekstase. Die rechtfertigen aber nicht, dass man vor die Hunde geht. Ich kann mich noch erinnern, als ich an der Musikhochschule mit meinem Lehrer, dem wunderbaren Dirigenten Kurt Eichhorn, den "Fidelio" korrepetierte, hat er mir den schönen Satz gesagt: "Net du sollst heulen, Bub, die Leut sollen heulen." Am Ende hab aber nur mehr ich geheult.

profil: Es liegt manchmal eine Widersprüchlichkeit in Ihren Liedtexten und Ihrem gelebten Leben. In den Siebzigern hatten Sie ein hohes feministisches Bewusstsein, schliefen aber, wie Sie selbst sagten, "mit allem, was bei zwei, drei nicht auf den Bäumen ist"
Wecker: Ich habe Frauen nicht immer gut behandelt. Mir graust vor mir selber, wenn ich heute zurückdenke, was ich für ein Frauenbild hatte. Der Gegensatz zwischen meinen Texten und meinem Tun hat mich, glaube ich, gereizt.

profil: Sie haben immer wieder die Dichter Georg Trakl und Gottfried Benn, beide Kokainisten und Morphinisten, als Ihre Vorbilder genannt.
Wecker: Ja, deretwegen habe ich im Alter von 30 Jahren mit Drogen begonnen. Ich hatte ein ganz bourgeoises Künstlerideal: Um große Kunst zu machen, muss man Drogen, Leiden und Wahnsinn kurzschließen.

profil: In den letzten Ausläufern Ihrer Sucht haben Sie Crack geraucht. Eine Droge, der man nachsagt, dass man nach einmaligem Konsum süchtig wird.
Wecker: Das Rauchen von Crack verleiht einem einen Kick, der mit nichts anderem vergleichbar ist. Einmal hat es mich auf meinem Stuhl regelrecht einen Meter nach hinten gehaut. Crack verleiht einem einen Vorgeschmack auf ein Erlebnis, das nichts mehr mit unserem körperlich-leidvollen Dasein zu tun hat. Man befindet sich außerhalb von Raum und Zeit. Und nach diesem Kick schlittert man in die schwerste Depression, die man sich vorstellen kann. Das Absteigen in die absolute Asozialität ist garantiert.

profil: Die Zivilfahnder, die Sie 1995 völlig verwahrlost in Ihrer Wohnung überraschten, haben Sie angeblich mit den Worten "Kommt rein, Jungs, ihr habt mir das Leben gerettet!" begrüßt.
Wecker: Das stimmt. In meiner siebzehntägigen U-Haft 1995 hatte ich endlich die Chance, ganz bei mir zu sein. Dieses Zellendasein hätte ich mir schon sehr viel früher verordnen sollen. Da bin ich in meine Höllen hinabgestiegen. Ich habe mich und Situationen aus meinem Leben im Zustand eines Zuschauers erlebt. Dieser völlige Ausstieg aus dem eigenen Ich war therapeutisch sehr heilsam. Durch die Beobachtung ohne jede Selbstherrlichkeit bekam ich große Angst vor mir.

profil: Wie haben Sie den Entzug geschafft? Waren Sie in einer Klinik?
Wecker: Nein, nicht einmal in einer Psychotherapie. Irgendwann haben Sie mir einen Psychiater geschickt, der lag aber irgendwie nicht auf meiner Linie. Der meinte nur, dass ich mir doch lieber was anderes Nettes suchen soll. Sein Vorschlag war, ein Motorrad zu kaufen und ins Grüne zu düsen. Nun ja. Der Vorteil meines Zusammenbruchs war, dass ich mich endlich wieder auf den Weg zu mir selbst machen konnte. Sich zu sich selbst aufzumachen, das ist die einzige Religion, der ich heute angehöre.

profil: Trotz Ihres Leidenswegs sind Sie nicht zum radikalen Drogenmahner geworden.
Wecker: Nein. Wir haben jährlich 70.000 Alkoholtote gegen 115 Kokaintote. Cannabis-Tote gibt es sowieso keine. Es ist doch eine Unverschämtheit des Staates, Selbstzerstörer mittels Kokain moralisch schlechter zu bewerten als solche, die die Methode des Alkoholismus gewählt haben. Das ist doch ein ganz verwerfliches Gut-und-Böse-Schema. Ohne Drogen hätte die Menschheit viele Erfahrungen nicht gemacht. Drogen sind nichts Böses. Nur wir können damit nicht umgehen. Und den Umgang mit Drogen beherrschen wir umso weniger, je mehr sie dämonisiert werden.

profil: Sie haben zwei Söhne mit zwei und fünf Jahren, die in absehbarer Zeit ins drogenfähige Alter kommen werden
Wecker: Wir gehen mit diesem Thema bereits jetzt sehr offen um. Die Gefahr, dass meine Kinder völlig aus meinem Einflussbereich geraten, schätze ich für relativ gering ein. Das wäre dann totales Pech.

profil: Wie gefährdet sind Sie selbst heute?
Wecker: Eine gewisse Lust verspüre ich schon noch manchmal. Aber in meinem Inneren ist so eine Sperre, dass ich diese Lust nie konkret werden lasse.

profil: Weiß Ihr älterer Sohn eigentlich über Ihre Vergangenheit Bescheid?
Wecker: Ja, der Valentin weiß, dass ich im Gefängnis war. Der findet das sogar sehr spannend. Mit Playmobil baut er immer wieder Gefängnisse. Da übt er dann Ausbrechen. Er ist, glaube ich, der Meinung, dass ich ausgebrochen bin. Da lasse ich ihn jetzt auch dabei.