Hut ab vor diesem Sänger

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

13.04.2002

Quelle

Oberbayerisches Volksblatt

"Erst baun wir Waffen, dann verkaufen wir sie weiter, / dann wird ein Krieg geführt, natürlich ein gescheiter, / dann stelln wir uns auf irgendeine Seite, / die andre geht dann selbstverständlich pleite, / dann finden wir das Ganze ganz gemein / und sammeln unsre Waffen wieder ein." Es ist die ganz spezielle Mischung aus Politischem und sehr Persönlichem, aus Liebesliedern und aufrüttelnder Gesellschaftskritik, die Konstantin Weckers Lieder schon immer auszeichneten, dazu die unverkennbare Stimme, der meisterhafte Umgang mit Wörtern und Tönen, das Verschmelzen mit dem Klavier.

Dass der Mann nach über drei Jahrzehnten auf der Bühne noch was zu sagen hat, war bei seinem Konzert im Rosenheimer Kultur- und Kongresszentrum von Anfang an klar. Vor dem Hintergrund der Diskussion um weitere Auslandseinsätze der Bundeswehr sinnierte er über das "Vaterland".

Es wäre nun allzu einfach, von einem gereifteren Konstantin Wecker zu sprechen, einem, der für sich die Gewichte ein wenig verschob, vom sinnlichen Auskosten der Welt hin zum Nachdenken über deren Zustand. Zumal er selbst singt: "I glaab i wea oid." Auf jeden Fall: Von künstlerischer Stagnation keine Spur. In Rosenheim war ein Konstantin Wecker in Bestform zu erleben, musikalisch, textlich, aufrüttelnd, nachdenklich stimmend, mitreißend als Musiker und Bühnenmensch.

Kongenial unterstützten ihn die vergleichsweise sehr jungen Musiker seiner Band, Jo Barnikel (Klavier, Keyboards, Trompete), Gerd Baumann (Gitarren, Flügelhorn), Jens Fischer-Rodrian (Gitarren), Sven Faller (Kontrabass, E-Bass, Cello). Erwähnenswert neben diesen mit allen Wassern gewaschenen Instrumentalisten ist auch die ausgezeichnete Lichtregie und die hervorragende Klangtechnik des Konzerts. Einzig Sven Fallers E-Bass klang stellenweise ein wenig verwaschen.

Musikalisch zogen Wecker und Band verschiedenste Register, von der Klavierklassik über den Blues zu Ragtime, Stride-Piano, alpenländische Weisen, Jahrmarktsmusik, Tango, Geräuschcollagen, Swing, Rock. Augenzwinkernd wurde das Lied vom "Fachmann" als Ambient-Trash-Metal-Power-Reggae präsentiert.
Textlich standen Kurt Tucholsky, Bert Brecht, Hanns Dieter Hüsch und Erich Kästner Pate für Songs wie den eingangs zitierten "Waffenhändlertango" oder "Wenn die Börsianer tanzen". Was jedoch auch anders zu sagen wäre: Wecker ist einer der ganz wenigen unter den wenigen Dichtern und Sängern dieses Landes, der es im Kreuz hat, diese hohe literarisch-gedankliche, aufklärerisch-kritische Tradition eigenständig weiterzuführen. Er, der so oft in seinem Leben gegen die herrschende bürgerliche Moral verstieß, ist in seinen Texten auf überzeugende Weise ein Kämpfer für die Menschenrechte, für geistige Freiheit, unverstellte Menschlichkeit, gegen die Bomben. Auch wenn er in der aktuellen Auflage - es ist die vierte - des imaginären Gesprächs mit dem erschlagenen Willy meinte: "Jetzt werdn´s wieder sagen: Schauts ihn an, den Wecker, den Moralisten. Aber du bist mein Zeuge, Willy, ich hasse die Moral. Immer wenn moralischer Eifer im Spiel ist, fängt man an, sich die Köpfe einzuschlagen. Ich will nur nicht aufhören, die Wahrheit zu suchen."

Hut ab vor diesem Sänger. Der nebenbei durch Selbstironie der Gefahr der Selbststilisierung hakenschlagend immer wieder entkommt. Das Rosenheimer Konzert dauerte gut drei Stunden. Gegen Ende gab es Liebeslieder und Klassiker wie "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist". Insgesamt reisen Wecker und Band jedoch mit vielen starken neuen Liedern im Gepäck.