Mutterland, magst lieb sein

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

30.11.2001

Quelle

Die Welt

"Liedermacher. Berufsbez. a. d. verg. Jhrdt. für Sänger, die überw. polit. engagierte, selbst getextete Lieder vortrugen. Meist m. Git. Siehe auch Wandervogel, Protestsong, Friedensbewegung." So etwa könnte ein moderner Lexikoneintrag zu einer frühgeschichtlichen Gattung der deutschen Unterhaltungsmusik lauten. Dass die Liedermacher noch nicht ganz gestorben sind, bewies am Mittwoch der Münchener Barde Konstantin Wecker. Nach Jahren der Entbehrung holten sich seine Fans in der ausverkauften Musikhalle ihre Überdosis Konstantin, denn in handhabbarer Menge ist dieser Maßlose nie zu haben gewesen.

Wecker war immer zu viel: zu viel Moralist, der er nicht sein möchte. Zu viel feiner Musiker, der er immer noch ist. Zu viel Poet, der er nie war. "Vaterland" heißt sein Tourneeprogramm. Er mag es, und er mag es nicht, sein Vaterland. Lieber hätte er ein Mutterland, weil das vielleicht lieber zu den Menschen wäre. Au weia.

Trotzdem: Wir haben Wecker bewundert für den Torenmut, mit dem er seine Zweifel am Weltlauf in Afghanistan und anderswo hinausrief. Wir haben gelitten unter dem stumpf Bekenntnishaften mancher seiner Lieder, wir haben geseufzt über das Fehlen eines dramaturgischen Bogens, unter den er sie hätte spannen müssen. Und wir haben mit dem Kopf geschüttelt über seine hoch begabte Musikhochschülerband, die sich große Mühe gab, den ungroovigsten Blues zu spielen, den die Welt je gehört hat.

Weckers Drogen-Exzesse: Schnee von gestern. Nur zwei Mal spielte er darauf an. Sein neues, nüchternes Leben sei weniger aufregend, "aber, ich sag immer, es ist tiefer". Leider gelingen ihm offenbar keine Liebeslieder mehr. Deshalb mussten wir uns einen Rockrumpelsong anhören, in dem Wecker die schreckliche Zukunft seines Sohns als RTL-2-Redakteur an die Wand malt. Hätten die Fans die Fernbedienung dabeigehabt, sie hätten ihn womöglich weggezappt. So blieben sie, und jubelten. TRS