Reflexionen für Weltmacht-Skeptiker

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

01.12.2001

Quelle

Kieler Nachrichten

Autor / Interwiever

Manuel Weber

Die Welt nach dem 11. September, sie strengt an. Da dürfen sich die aberwitzigsten Figuren öffentlich zu Wort melden und ihre politisch allzu oft gehaltlosen und makaberen Theorien heraus posaunen. Meinungsmache bestimmt das Tagesgeschäft, Diskussionen verpuffen im Überfluss der Erklärungsversuche. Auch Konstantin Wecker hat eine Meinung. Und mit der hält der bayrische Liedermacher in der fast überfüllten Traumfabrik nicht hinterm Berg. Mit Vaterland, dem Titellied seiner aktuellen CD, beginnt der ergraute Mann am Klavier sein Programm. "Was bedeutet noch ein Vaterland in den vernetzten Zeiten?" fragt er und jeder im Publikum kennt schon vorher seine Antwort. Von jeher nicht sehr viel.

Überhaupt scheint das Publikum mit Wecker einer Meinung. Szenenapplaus allenthalben, wenn Konstantin Wecker den polemischen Spieß umdreht und die Repräsentanten unserer "zivilisierten Welt" ins Visier nimmt. Spitzzüngig, poetisch und überzeugend, aber nicht mehr so brachial wie früher, demontiert Konstantin Wecker die Selbstgefälligkeit der USA, schiebt ihnen den schwarzen Peter des Weltgeschehens zu. Resigniert singt er gegen die Bush-Despoten, die Machenschaften des CIA und die medienwirksamen Massentrauerveranstaltungen aller reflektionslos nickenden Weltbürger. Das ist nicht gerade die politisch propagierte Linie, aber er spricht aus, was bei den Weltmacht-Skeptikern en vogue ist.

Schon lange nicht mehr war bei Wecker die Musik so sehr Transportmittel wie derzeit. Ein wieder erstarkter Einmischer, der mehr als je zuvor den Zeitgeist als Gespenst der Gegenwart zu verstehen scheint. Dabei ist die Mischung aus Blues, Jazz, Chanson und experimentellen, sehr sphärisch angelegten Klangkollagen ganz wunderbar. Seinen Mitmusiker Jo Barnickel (Keyboards) Gerd Baumann (Gitarre), Jens Fischer-Rodrian (Percussion) und Sven Faller (Bass) ist es zu verdanken, dass Wecker ungewöhnlich frisch und zeitgemäß klingt. Lieder wie Wenn der Sommer nicht mehr weit ist oder Liebeslied im Alten Stil geraten so zu Glanzlichtern des Abends, fangen die Stimmung der ganz auf persönliche Alltagsverzweiflungen ein.

Etwas anstrengend ist allein Weckers Art, mit seinem Alter zu kokettieren. I wird oid ist noch ein amüsantes Liedchen über Falten und verblassendes Sexappeal, aber seine gelegentlichen Rap-Einlagen, in denen er sich ungelenkt verrenkt und doch sehr plakativ den Duktus der verschwenderische Leichtlebigkeit der jungen Generation aufs Korn nimmt, wirken schlichtweg albern.

Applaus gibt´s dennoch. Schon weil sich auf und vor der Bühne ganz offensichtlich Gleichgesinnte getroffen haben und sich durch Beifall und Lied gegenseitig Mut machen. Drei Stunden, die wie im Flug vergingen mit einem Konstantin Wecker, der so stark und leidenschaftlich agierte, wie lange nicht agierte.