Das Überlebenswerk

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

04.12.2001

Quelle

Tagesspiegel

Autor / Interwiever

Kerstin Decker

Seit Oktober ist Konstantin Wecker auf Tour. Zum ersten Mal seit sechs, sieben Jahren wieder in den ganz großen Sälen. Die Philharmonie ist ein großer Saal. Und auch sonst: Keine Bierlachen, kein Rauch. Der aus den Kneipen kam, geht jetzt in die Philharmonie. Wo ist er angekommen?

Wecker hatte seiner Freundin Lisa zum 50. Geburtstag geschrieben: "Liebe Lisa! Sei nicht deprimiert. Mit fünfzig hatte ich mein Lebenswerk abgeschlossen. Jetzt beginnt das Überlebenswerk." Wir machen uns also bereit für ein Konzert mit Flügel und Gesangsstimme, irgendwo nach dem Leben.

Und dann das. Die Konzertkritik, baupolizeilich: Das Scharoun-Dach ist noch drauf. Alle Sitzreihen konnten erhalten werden.

Die Berliner empfangen Konstantin Wecker, als sei er nie weggewesen. Als würden sie seine neuen, jungen, wunderbaren Musiker schon seit Ewigkeiten kennen. Und Wecker tut das Nächstliegende: Er spielt, als wäre er tatsächlich nie weggewesen. Nur dass alles neu ist, fast alles. Es gibt nämlich den metereologischen Wecker, und es gibt den politischen Wecker. Vielleicht gibt es ohnehin nur diese beiden Weckers. Schwer zu sagen, welcher der eigentliche ist.

In der Philharmonie versteht man den politischen Wecker sofort, "Willy" als Lied des 11. Septembers oder auch: "Amerika". Wecker schrieb das aber bereits im Frühjahr, weil er den neuen amerikanischen Präsidenten schon im März nicht leiden konnte. Und die amerikanische Politik nicht. Wahrscheinlich war dieses Konstantin-Wecker-Konzert die erste politische Groß-Kundgebung in der Philharmonie: "Misch dich ein! Sage Nein!" Sehr viel Schlagzeug.

Mag sein, Konstantin Wecker braucht solche Offensiven, schon um des Passiven willen. Meterologen sind eher passiv. Und die Jahreszeiten sind undenkbar geworden ohne Wecker. Genau wie die Tode. "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist ... " Er hat es nicht vergessen. Aber sogar politische Vorhersagen, sind, als Wetterbericht vorgetragen, einleuchtend: "... und dann / es ist schon abzusehen / wird´s nur noch schnein." Auf der neuen CD "vater land" hat nun erstmals der November sein eigenes Lied.

Das Berliner Konzert war das letzte seiner Tour. Es dauerte fast vier Stunden. Nach sechzig Minuten Zugaben griff Wecker in seiner Not zu einer List. Er spielte der Philharmonie ein Schlaflied. Es ist eines der schönsten neuen Stücke. Engel, die über einer Kinder-Nacht wachen: "Mir zeigen sie sich nicht mehr / doch ich sehe sie in dir ...

Ein leiser Abschied von dem Sich-selber-alles-Sein, von den eigenen liedgewordenen Aufbrüchen und Auflösungen. Ein allererstes Alterswerk. Auch das.