Seelenverwandt mit dem guten Hirten

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

24.12.2001

Quelle

Süddeutsche Zeitung

Autor / Interwiever

Astrid Becker

Der Umweltverein "David gegen Goliath" hat am Sonntag den Musiker Konstantin Wecker zum Ehrenmitglied ernannt. Im Gespräch mit der SZ schildert der Künstler sein Verhältnis zu der Organisation und zu ihrem Vorsitzenden, dem Münchner Stadtrat Bernhard Fricke.

SZ: "David gegen Goliath" macht Sie zum Ehrenmitglied. Womit haben Sie das denn verdient?

Wecker: Das weiß ich auch nicht so genau.Es ist aber kein Geheimnis, dass ich mich "David gegen Goliath" schon seit vielen Jahren verbunden fühle. Und ich kenne daher auch Bernhard gut, fühle mich ihm verbunden, was vor allem in den vergangenen Jahren stärker wurde. Deshalb freue ich mich einfach sehr über die Ehrenmitgliedschaft.

SZ: Bernhard Fricke ist ja nicht nur für Weltverbesserung zuständig, sondern auch bekannt für seine außergewöhnlichen Aktionen. So feierte er vor kurzem die Hochzeit seines Schafes Seraphin. Wie stehen Sie dazu?

Wecker: Das überlasse ich ihm. Meine volle Unterstützung hatte er aber, als er sein Schaf impfen ließ. Bernhard ist ein Mensch, der Zeichen setzen will. Das hat er damit getan, und das war in dieser Zeit wichtig. Dass er dafür auch Publicity sucht, kann ich ihm nicht verdenken. Ich bewundere ihn, weil er sich nie dem Zeitgeist unterwirft. Er bleibt stets bei sich selbst und zeigt dabei eine unglaubliche Kraft. Die Menschen, die ihn oder seine Aktionen ins Lächerliche ziehen, verdrängen das, was immer offensichtlicher wird. Ich habe ihn beispielsweise zur Zeit meiner Verhaftung gefragt, warum er so verbiestert sei. Dabei habe ich aber übersehen, dass ich selbst so sehr mit Verdrängen beschäftigt war. Es ist einfach so: Wir wissen nun, dass wir am Ende der Zivilisation stehen, wollen es manchmal nur nicht wahrhaben. Vielleicht ist die Zeit reif für Veränderungen.

SZ: Was meinen Sie damit?

Wecker: Ich will nicht das Ende der Spaßgesellschaft heraufbeschwören, denn die Spaßgesellschaft gab es so nie. Spaß muss man sich ja leisten können, und das konnten sich immer nur die wenigsten. Diese Clique wird es auch in Zukunft geben. Ich spüre nur, dass viele Menschen, auch wieder mehr junge Leute, einfach wieder nachdenken.

SZ: Besteht zwischen Ihnen und Fricke eine Art Seelenverwandtschaft?

Wecker: Seelenverwandtschaft ist das richtige Wort. Wir sind nach außen hin zwei völlig unterschiedliche Typen. Aber wir sind beide Menschen, die bei sich bleiben und sich trotzdem in Wandlung begriffen sehen. Bernhard redet immer wieder über das Göttliche, und dazu gehört heutzutage schon eine Menge Mut.

SZ: Sind Sie ein religiöser oder spirituell denkender Mensch?

Wecker: Auf jeden Fall. Ich denke, dass neues politisches Denken gar nicht ohne Spiritualität geht. Wobei man das nicht mit regressiver Esoterik verwechseln darf, die letztlich die Vernunft ausschließt. Wir brauchen die Vernunft. Spiritualität heißt für mich den alles verbindenden Geist in sich selbst suchen und finden, und das geht nicht ohne Arbeit an sich selbst.

SZ: Gehen Sie an Weihnachten in die Kirche?

Wecker: Nein, ich denke nicht. Aber ich feiere ganz klassisch mit meinen Kindern. Mit Christbaum und Christkind.