Vor diesen modernen Zeiten müssen wir uns grausen.

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

18.01.2002

Quelle

Münchener Abendzeitung

Autor / Interwiever

Michael Backmund

Denkverbote konnte er noch nie leiden. Konstantin Wecker (54) mischt sich wieder ein: Auf seinen Konzerten lässt er die Börsen-Haie tanzen, rappt gegen Hunger, Rassismus und die globalisierte Weltordnung. Jetzt sagt er "Nein zum Krieg" und beteiligt sich an den Demonstrationen gegen die "Münchner Sicherheitskonferenz" Anfang Februar im Bayerischen Hof. Die AZ sprach mit dem Münchner Liedermacher über Kunst und Karriere, Joschka Fischer und Friedensbewegung, den 11. September und den Talking Blues mit Willy.

AZ: Warum beteiligt sich Konstantin Wecker mit einer "Unabhängigen Beobachtergruppe" an den Demonstrationen gegen die Nato-Sicherheitskonferenz am 1./2. Februar in München?

Konstantin Wecker: Weil ziviler Ungehorsam immer notwendiger wird in einer Zeit, in der unser Innenminister Otto Schily in den Überwachungs- und Polizeistaat marschiert. Ich habe einfach Angst, dass durch den Mainstream, der sich wieder in Richtung Aufrüstung, Krieg und Militarisierung bewegt, auch die Polizei völlig anders wird. Wie sollen wir denn dieser Entwicklung entgegentreten, außer durch Demonstrationen?

AZ: Die Proteste in Genua gegen den G8-Gipfel, die Anschläge auf das World Trade Center und den Beginn des Afghanistan-Krieges erlebten Sie auf Ihrer Tournee "Vaterland"? Es wurden sehr politische Konzerte.

KW: Es ging mir immer darum, die Politik mit der Poesie zu verbinden. Aber bei meinen letzten Konzerten habe ich festgestellt, dass vor allem junge Menschen ein starkes Bedürfnis hatten, politische das zu hören, was in den meisten Medien nicht stand. Ich habe deshalb den Willy aus meinem Song noch einmal ausgegraben und ihm einfach erzählt, was seit dem 11. September passiert ist.

AZ: Als "Talking Blues", Gespräche mit Willy?

KW: Ja, ich habe das aus meiner Sicht erzählt, viele Fragen gestellt: "Streubomben und Lebensmittel". Ist das die rechte Art um der so genannten unzivilisierten Welt unsere Zivilisation schmackhaft zu machen? Welche Freiheit verteidigen wir denn so vehement? Die des Geistes oder vielleicht doch nur die des freien Marktes? Das hat vielen aus den Herzen gesprochen, die nicht blind dieser Gehirnwäsche folgen wollen.

AZ: Welcher Gehirnwäsche?

KW: Welche Bilder des Elends werden hinter den Bildern des Jubels ausgeblendet? Es sind tausende von zivilen Opfern zu beklagen im Afghanistan-Krieg und wir sehen nur am laufenden Band Jubelbilder. Es wird uns nicht gezeigt, was die Nordallianz für ein brutaler Terrorverein ist. Das sind nicht irgendwelche vornehmen Kriegsfürsten, die jetzt Frieden wollen, sondern jeder Warlord will sein eigenes Süppchen kochen.

AZ: Sie singen über das befremdliche "Trauermanagement" nach dem 11. September?

KW: Statt den Schrecken von New York zum Anlaß zu nehmen, mal wirklich nachzudenken, herrscht Säbelrasseln und Vergeltungsgebrüll vor. Diese unglaubliche Bündnistreue, die sich in einer staatsverordneten Trauer gezeigt hat, die jedes Nachdenken über Hintergründe verhindern soll. Die Gehirnwäsche besteht ja auch in der lächerlichen Behauptung, es sei in Afghanistan um die Befreiung der Frauen gegangen. Kein Mensch in den Regierungen hat sich bis dahin für die Frauen dort interessiert. Mit diesem Argument muss man weltweit eingreifen und ganze Länder bombardieren.

AZ: Was ist Weckers Hauptfrage?

KW: Ist Terror wirklich mit Krieg zu besiegen? Für mich ist es nicht nur ein Kampf gegen diesen Krieg, es ist ein Kampf gegen das Kriegerische, gegen die Aufrüstung, die sich auch in Europa wieder breit macht. Auch diese Gedankliche Aufrüstung: Krieg ist wieder eine selbstverständliche Option.

AZ: Wie kam es dazu?

KW: Weil zu wenige das angeblich beste Wirtschaftssystem aller Zeiten kritisieren, in dem es nur um Gewinnmaximierung geht. Jährlich verhungern 30 Millionen Menschen. Wer trauert um die täglich 80.000 Hungertoten? Das meine ich mit Trauermanagement. Außerdem wird die Gesellschaft immer mehr militarisiert. Es ist mittlerweile selbstverständlich, dass wir blind der Nato folgen. Wir überlegen nicht, ob diese Bündnistreue der Nato gegenüber eine höchst bedenkliche Geschichte ist, weil die Nato Kriege um Ressourcen und wirtschaftliche Interessen im Sinn hat. Wir dürfen nicht vergessen, dass es natürlich auch um eine Öl-Pipeline quer durch Afghanistan geht. Die Amerikaner hatten bereits einen Vertrag mit den Taliban. Das hat nicht geklappt und dann kam der Anschlag vom 11. September dazwischen. Bei uns soll das Denken über solche Hintergründe ausgeschaltet werden. Darum werde ich mich an den Demonstrationen gegen die Kriegsherren beteiligen.

AZ: Was werden Sie konkret tun?

KW: Ich werde bei der Demonstration mitgehen und gemeinsam mit der Münchner Rechtsanwältin Angelika Lex beobachten und aufpassen, wie sich die Münchener Polizei - besonders nach den schlimmen Übergriffen der italienischen Polizei in Genua - gegenüber dieser wieder entdeckten Form des zivilen Ungehorsam verhalten wird. Ich möchte dazu persönlich noch sagen: Ich gehe als Pazifist auf diese Demonstration. Ich kann nicht von Friedfertigkeit reden und gewalttätig gegen Krieg sein, das kann ich nicht mit mir vereinbaren.

AZ: Die Stadt München will keine Räumlichkeiten für die Übernachtung auswärtiger Demonstranten zur Verfügung stellen.

KW: Bei dem vielen Geld, dass für den Krieg ausgegeben wird, ist es vollkommen unverständlich, warum friedliche Demonstranten und Jugendliche keine kostenlosen Schlafstellen erhalten sollen. Das fordert die Gewalttätigkeit geradezu heraus.

AZ: Haben Sie die Proteste in Genua gegen den Weltwirtschaftsgipfel überrascht?

KW: Es war so eine wundervolle weltweite Bewegung der Globalisierungsgegner im Gange gegen ein höchst spekulatives Weltwirtschaftssystem, das an ewiges Wachstum glaubt und auf Dauer einfach nicht funktionieren kann. Dann kam der 11. September, und seitdem wird durch den Krieg die Kritik am Neoliberalismus wieder unter den Tisch gekehrt.

AZ: Heute wird doch gar nicht mehr vom Krieg gesprochen, sondern.....

KW: ....vom Kampf gegen den Terror. Es sind alles plötzlich Friedensmissionen. Die gibt es aber nur, wenn man vorher Krieg geführt hat. Deshalb kann man diesem Krieg vorher nicht zustimmen. Wenn man den Friedenstruppen zustimmt, stimmt man automatisch dem Mechanismus Krieg-Friedenstruppen zu.

AZ: Sind Sie traurig, dass von den früheren Weggefährten, von deutschen Intellektuellen und Künstlern nur noch wenige den Mund aufmachen?

KW: Nie war man in Deutschland so für den Frieden wie im Frieden. Jetzt führt Deutschland Krieg und plötzlich ist das Häuflein sehr klein geworden, das gegen den Krieg ist. Das ist schon ein bisschen traurig. Aber das ist der Ungeist des Konvertiten Fischer, der viele irgendwie gepackt hat. Mir wurde kürzlich in einem Interview vorgehalten, gegen den Krieg zu sein, sein doch alles nur alter 68er Mist. Wer jetzt den modernen Zeiten verantwortungsvoll ins Auge blicke, der müsse die Wandlung von Joschka Fischer mitgemacht haben. Mich freut, dass die Jungen nicht dieses Problem haben. Denn vor diesen modernen Zeiten müssen wir uns grausen.

AZ: Was sind Ihre nächsten künstlerischen Projekte?

KW: Ich werde im Frühjahr die "Vaterland"-Tournee fortsetzen. Wir werden dann auch nach Österreich gehen. Sind natürlich noch einmal im Circus Krone, am 15. April.
Ich werde alles tun, um mit meinen künstlerischen Möglichkeiten der allgemeinen Gleichschaltung, um es einmal höflich auszudrücken, entgegenzutreten.