Stehaufmann im Großformat - Interviewband zeigt den Liedermacher

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

26.01.2002

Quelle

Mitteldeutsche Zeitung

Autor / Interwiever

Steffen Könau

Ganz am Anfang hatte Konstantin Wecker immer nur Anfänge. Gedichtanfänge, Dramenanfänge, Romananfänge. "Lauter Anfänge eben", beschrieb er später einmal, "ich bin der längste Anfänger gewesen und deshalb dann auf die kleine Form des Liedes gestoßen." Ein Lied nämlich kann nur Anfang sein, nur Frage und nicht Antwort, nur Beschreibung und nicht Entwicklung.

Kleine Lieder haben Konstantin Wecker, den Berserker und Körperarbeiter unter den deutschen Autorensängern, groß gemacht. Aus den Reichen von Kabarett und Kleinkunst gelang dem wuchtigen Bayern mit Platten wie "Genug ist nicht genug" der Sprung in die Hitparadenpopularität. Ausverkaufte Hallen feierten ihn und wenn Wecker sprach von wiederauferstandenen Faschisten und der ungerechten Welt, dann lauschte alles, was sich selbst als fortschrittlich und links verstand.

Der wahre Wecker aber war auch ein anderer. Ein Triebmensch, den Geltungsdrang und Leistungsdruck früh zum Kokain gebracht hatten. Ein besessener Künstler, der auf der Suche nach noch kraftvollerer Kunst bereit war, sich mit Pulvern und Crackpfeifen auf die Sprünge helfen zu lassen. Am Ende stand ein ausgebrannter Riese, hinter sich einen Schuldenberg, vor sich eine lange Haftstrafe, gehalten nur noch von den Schlagzeilen, die den tiefen Fall feierten, und den wenigen Freunden, die trotzdem zu ihm hielten.

Konstantin Wecker aber ist ein Stehaufmann. Mit seinem Album "Vaterland" meldete der 54-Jährige sich im vergangenen Herbst verblüffend sprachmächtig und überraschend konzentriert zurück in Konzertsaal und Musikgeschäft. Und mit dem großformatigen Interviewband "Politisch nicht correct" zeichnet sein langjähriger Weggefährte Günter Bauch jetzt noch einmal den Weg nach, den Wecker seit 1978 genommen hat.

Ein Unterfangen, das in manch anderem Fall allein an der Widersprüchlichkeit der über die Jahre gesammelten Aussagen hätte scheitern müssen. Bei Konstantin Wecker aber, dem erklärten Bauchmenschen mit dem Hang zur Grübelei, gehört der Widerspruch zur Person wie das knarzige R und die blassblauen Augen. So steht denn der frühe Wecker-Vorschlag, engstirnige Menschen sollten doch ab und an "mal auf einen LSD-Trip gehen" ungestört neben der späten Erkenntnis, dass Drogen ihn lange gehindert hätten, durch die Musik selbst zur Ekstase zu finden. "Politisch nicht correct" ist so keine reine Hommage an den Liedermacher, sondern ein interessant zu lesendes Selbstporträt im Spagat zwischen Damals und Jetzt.

Aus ausgewählten Interview-Schnipseln montiert Bauch auf 160 Seiten den ganzen Wecker: Einen Kämpfer, der zweifelt, einen Sucher, der singt; einen Denker auch, der die Lust am Bühnenschweiß dröhnend auslebt. Er lebe ja nach seiner eigenen Moral, hat Konstantin Wecker einem Interviewer vor Urzeiten einmal geflüstert, das sei natürlich selbstherrlich, "aber so bin ich nun mal".

Kokett. Größenwahnsinnig. Entwaffnend. Nicht alles, was der Stehaufmann mit den Ringerschultern irgendwann einmal gesagt hat, war so richtig. Aber vieles war doch immerhin pointiert, denn Wecker ist nie lauwarm, verhuscht und ängstlich gewesen, sondern selbst in seinen bösesten Irrtümern noch von selbstbewusster Konsequenz. Ein glühender Anarchist sei er, auf Rosen gebettet durch die Tatsache, dass ihm als Höchststrafe drohe, mit seinen Liedern nicht im Rundfunk gespielt zu werden, hat er einmal mitgeteilt - ein wenig selbstverliebt, ein wenig zu ehrlich, um als ganz ehrlich durchzugehen.

Über die volle Wegstrecke eines insgesamt sehr geschmackssicher gestalteten Buches aber wird die Figur greifbar: Ein unsicherer Mensch, der nicht gegen ein System singt, sondern wenn schon dann gleich gegen alle, "weil es ein System als Lösung aller Probleme nicht gibt". Das Format des Buches entspricht dabei ganz dem Format seines Gegenstandes. Viel Weiß leuchtet zwischen den Weckerschen Sentenzen, edle Schwarz/Weiß-Fotografien blicken hinter die Bühne, in den Probenraum, in des Sängers privates Umfeld. Am Ende folgen Diskografie und ein Verzeichnis aller Bücher des "Willy"-Erfinders, Hobby-Buddhisten und Globalisierungsgegners. Kein Denkmal trotzdem und kein Weihrauchgeruch. Dafür ist dieser Wecker doch zu sehr von dieser Welt.