Rebellische Nestwärme - Schwer- und Mut überhaupt: Konstantin Weckers Konzert

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

21.11.2001

Quelle

Frankfurter Rundschau

Autor / Interwiever

Klaus Jungheinrich

Mühelos füllt er die großen Säle, und zum alten, älter gewordenen Publikum gesellt sich auch die junge Generation: Konstantin Wecker, auf seiner Herbstour durch ganz Deutschland jetzt in der Alten Oper wieder vielumjubelt.

Der 54-jährige Songwriter aus München tritt nun mit vier viel jüngeren Musikern zusammen auf: Jo Barnickel (Keyboards, Gerd Baumann (Gitarre), Jens Fischer-Rodrian (Percussion) und Sven Faller (Bass). Gemeinsam mit dem energischen Klavierspieler und Sänger Wecker ensteht da ein vital jazziger Sound, der bisweilen auch experimentell angespitzt wird. Wecker wendet auch auf die musikalische Renovierung seine erprobte Selbstironie an. Er kokettiert damit, daß er ja doch ganz der Alte sei. So etwas wollen die Fans hören. Fanmentalität verlangt Bestätigung, Verstärkung und Wiederholung früherer Eindrücke. Andererseits ist Wecker ein Rebell, der viel Liebe und Zustimmung braucht. So kommt´s zu dem Paradox, dass Bühne und Auditorium sich rebellisch gegenseitig wärmen. Und der Rebell Wecker spricht ja auch stellvertretend für viele, die an und für sich und außerhalb des Saales nicht so gerne Radikalopposition verkörpern.

Daß der Mann auf der Bühne Mut hat und es auf Ermutigung anlegt, ist deutlich. Nach guter bayerischer Dramaturgie weicht er anfangs scheinbar aus und verkündet, nichts anderes tun zu wollen als das, was er schon immer tat: singen und Klavier spielen. Nach einiger Zeit und um ein paar Nöl- und Liebesliederecken herum kommt er dann aber doch zur aktuellen Sache und verpackt seine Botschaft als Anrede an das alter ego Willi in einen langen, bitteren, anklagenden Talking-Blues. Die Botschaft: Nach dem 11. September sei das nicht plötzlich falsch, was vorher richtig war - die Brandmarkung amerikanischer (Mit-)Schuld am Weltzustand und der "Verbrechen" der Bush-Family. Die Forderung: Ende des Krieges in Afghanistan, der tausende Unschuldiger tötet und damit die islamische Welt aufs neue entwürdigt, neuen Terror produziert. Gesichtspunkte, die, so sehr sie dem Mainstream politischer Korrektheit derzeit zuwiderlaufen, bedenkenswert genug sind. Ob das nestwarme Zustimmungsklima eines Konzertes wirklich eine öffentliche Diskussion weiterzutreiben im Stande ist, steht auf einem anderen Blatt.

Wecker ist erfahren und klug genug, seine Einspruchsmöglichkeiten realistisch einzuschätzen. Und so verbreitet er weniger kämpferischen Optimismus als Schwermut (altbairisch: Wehdam), was ja auch das Trockenbrot des Alterns ist, dem mancher melancholische (und musikalische) Gedanke des Abends gilt.

Wecker kramt in früheren Liedern, mischt reichlich Neues mit hinein, resignativ Poetisches ebenso wie bekennerisch Flammendes. Die Diktion ist viril und klar: in der unteren Oktave das erzählend Beschreibende, im Tenor darüber und mit prononcierten Konsonanten der ironische oder expressive Kommentar. Und oft lässt sich Wecker dann auch (lebhaft unterstützt von seiner Band) einfach forttragen von seinem pathetischen Impetus, der sich wie eine kräftige Soße über die Zuhörer ergießt. Kurz verweilt er bei Erich Kästner und seiner rabiaten Kritik des Kapitals, steuert für die Bankenstadt eine unterhaltsam rüde eigene Grußadresse bei (Wenn die Börsianer tanzen), schlüpft in einer Hommage an Hanns Dieter Hüsch in die Rolle eines am Nachkriegsstil geschulten ingeniösen Kabarettisten.

Sorgfältig achtet er (im zweiten Teil, bei dem die musikalischen Formen noch stringenter ineinander fließen und zur aussagestarken Leuchtspur sich verdichten) darauf, dass "Wehdam" nicht das letzte Wort behält, sondern die Kraftgebärde eines Ungebrochenen triumphiert: Konstantin Wecker lässt sich nicht wegdrücken. So lange, wie man ihn hören will, wird er da sein, sehr stämmig und bayerisch, sehr deutsch. Also in gehörigem Abstand zu seinem Vaterland (so das skeptische Titellied seiner jüngsten CD), auf das manch einer seinen dröhnenden Stolz appliziert.