Meister der kühnen Metapher

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

22.11.2001

Quelle

Offenbach Post

Autor / Interwiever

Joachim Schreiner

So ganz kann er die Agitation doch nicht lassen. Erklärt Konstantin Wecker bei seinem Konzert in der Alten Oper Frankfurt nach dem ersten Song noch, er möchte sich nicht zur weltpolitischen Lage äußern, weil er schon immer gegen Hexenverbrennung, Intoleranz und Faschismus, aber für Miteinander, Liebe und Toleranz gesungen hätte - um sich umgehend selbst zu widerlegen.

Eine knappe Stunde lang präsentiert der nach langer Rekonvaleszenz erstaunlich agile Bajuware Lieder aus seiner neuen CD "Vaterland", durchmischt von einigen alten Klassikern. Dann schickt er seine formidable Band von der Bühne. Zu den Akkorden der Antifa-Ballade "Willy" schnaubt und krächzt ein wütender Wecker seine Gedanken zur US-Afghanistan-Politik vor dem 11. September ins Mikro. Das Publikum im vollbesetzten großen Saal zollt dieser Demonstration aus Wut und Emphase donnernden Applaus.

"Ich kann den Ausdruck Vaterland nicht lieben und nicht hassen", singt er. Wecker macht aus Bush in "Amerika" einen dumpfen Militaristen, singt den "Waffenhändler-Tango". Doch ist der singende Poet nicht nur Grantler, sondern auch ein zärtlicher, sprachverliebter Melancholiker. Kraftvoll und mit dem ihm eigenen Pathos schmiedet er mit Hingabe Melodien und Verse. Der 54-Jährige verpackt seine Botschaften in raffinierte Arrangements und kühne Metaphern, ohne dabei an Selbstkritik zu sparen.

Unterstützt wurde der Liedermacher in der Alten Oper von den jungen Jazzern Jens Fischer (Gitarre/Percussion), Jo Barnikel (Keyboards), Sven Faller (Bass) und Gerd Baumann (Gitarren und Flügelhorn), der viele Lieder auch arrangiert hat. Bescheiden aber wirkungsvoll begleiten sie als melodiöse Stützen den Meister mal bluesig, mal funky. Wie gewohnt, gibt es nach zwei Stunden offiziellen Programms noch einen langen und stilistisch variablen Zugabenteil, der mit dem fulminanten Rap-Song "Staatsanwälte küsst man nicht" gar noch ein parodistisches Moment findet. Kein Zweifel: Wecker ist wieder da. Besser, intensiver und wacher denn je.