Bissiger weißblauer Blues

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

22.11.2001

Quelle

Mannheimer Morgen

Autor / Interwiever

Hans-Günter Fischer

"Ja, was soll ich da jetzt ändern?" fragt er von der Bühne. Schließlich trete er seit 30 Jahren für Gerechtigkeit und Toleranz, Verständigung und Freiheit ein - und kämpfe gegen Krieg und Fanatismus. Und das bleibe so, verspricht Konstantin Wecker. Auch nach jenem Terroranschlag in New York, der angeblich die Welt verändert und in ihren Grundfesten erschüttert hat.

Bei seinem Heimspiel in der ausverkauften Heidelberger Stadthalle geht Wecker diesem Thema allerdings mitnichten aus dem Weg. Einer wie er sagt immer seine Meinung, und auch deren Tenor bleibt letztlich derselbe. In der Frage nach der adäquaten Reaktion auf den New-Yorker Anschlag heißt das, dass sich Wecker gegen ein beflissenes und allzu routiniertes "Trauermanagement" erklärt sowie ein Umdenken verlangt. Gerade auch im Westen - und zwar nicht im Sinne einer Einschränkung der Freiheiten, wie sie sich derzeit abzeichne. Das ist bedenkenswert, entspricht aber exakt der Linie, die von einem Angehörigen der kritischen Intelligenz erwartet werden darf.

Der Text des Titelstücks der neuen Platte stellt sich ähnlich dar. In "Vaterland" ("schnell hat man ihm verziehn die Toten und die Kriege") kommt Konstantin Wecker zu einer ernüchternden Erkenntnis: "Dieses arg missbrauchte Wort lässt sich für mich nicht fassen." Musikalisch ist der Titel allerdings sehr eingängig, fast poppig, und das Intro hört sich beinahe so an, als wolle Wecker jetzt auch noch ein deutscher Sting werden - ein bisschen jedenfalls.

Die ziemlich jungen Musiker an seiner Seite - Keyboarder Jo Barnikel, Bassist Sven Faller und die beiden Alleskönner für diverse Aufgaben, Gerd Baumann und Jens Fischer-Rodrian (meist spielen sie Gitarre oder Schlagzeug) - sind zwar keine Über-Virtuosen. Können aber alles abrufen, was dem nicht eben stilpuristischen Konstantin Wecker vorschwebt. Und noch manches mehr. An Vielfalt fehlt es nicht an diesem Abend. Keine Spur von Liedermacher-Einerlei.

Unter den neuen Texten überzeugen die am stärksten, die mit unverfälscht privaten Stimmungen, Beobachtungen und Befindlichkeiten ausgestattet sind. "Jetzt pöbeln die Novemberwinde" und "die Dichter treibt es durch Alleen", so Wecker mit gekonnter Rilke-Anspielung. "Nun stürzt man mit den Blättern ab": Wenn ihn der Blues packt, ist er ganz in seinem Element.

Aber der Bajuware Wecker wird dabei nicht larmoyant. Obwohl die Haare grau geworden sind, die Falten tiefer. "I werd oid", heißt es in einem aktuellen Lied, mit einem Text, der augenzwinkernd, schnörkellos und selbstironisch ist. Aber in Heidelberg merkt man vom Alter wenig: Wecker steht drei Stunden auf der Bühne, inklusive Tanz- und Rap-Einlage, und gibt ohne Ende Zugaben. Die Halle kocht.