Florett statt Keule

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

24.11.2001

Quelle

Stuttgarter Nachrichten

Autor / Interwiever

Walter Rebstock

"I wer oald", sang Konstantin Wecker irgendwann an diesem Abend im ausverkauften Hegelsaal des Kongresszentrums, und es klang dabei auch ein wenig Wehmut mit.

Doch die tiefe Wirkung auf sein Publikum wird ihm auch in Zukunft erhalten bleiben: In den zwei Stunden zwischen einem Pop-Star-ähnlichen Empfang und den minutenlangen Standing Ovations danach lieferte Wecker ein fulminantes Konzert ab.

Als Liedermacher, der sich "seit 30 Jahren zum politischen Engagement bekennt", kündigte Wecker gleich zu Beginn an, dass die aktuellen Ereignisse im Dreieck von "Entrüstung und Aufrüstung" - New York, Berlin, Kabul - keinen Grund für ein Sonderprogramm abgeben. Bei Wecker haben sich schon früher "Idioten" als Reim für "Patrioten" aufgedrängt; und statt "Vaterland" wäre ihm der Begriff "Mutterland" umso lieber, je länger er darüber nachdenke.

Und so fließen denn in seinen Liedern Politisches und Prosaisches, Liebe und Leid wie selbstverständlich ineinander. Für jeden seiner feinen Gedanken findet Wecker noch feinere Worte: sorgfältig abgewogen, engagiert und glaubwürdig vorgetragen, ohne Pathos oder Provokation. Die Liebeslieder verströmen den Reiz von betörend duftenden Rosen, und als er dann doch den 11. September und seine Folgen in einem Sprechgesang aufarbeitet, benutzt er auch hier statt der Keule lieber das Florett.

Elegant und trotzdem scharf: Bei "Verbrechen" denkt Wecker nicht nur "Bin Laden", sondern auch "CIA", bei "Opfer" reicht der Bogen von "World Trade Center" bis "Streubomben" - ein Plädoyer gegen politischen Fanatismus und Öl-Interessen, für Vernunft und Verantwortlichkeit.

Viel mehr als nur Begleitung ist die fabelhafte Band, die das Konzert neben dem sprachlichen auch zu einem musikalischen Genuss macht. Die vier jungen Musiker schaffen mit einer Vielzahl von Instrumenten immer wieder den richtigen Sound, vor dem Weckers Stimme und Klavierspiel ihre prägnanten Konturen gewinnen.

Auch Konstantin Wecker wird älter, aber er ist in wohltuender Weise der Alte geblieben. Sein finales "Misch dich ein, sage Nein" hat nichts an Aktualität verloren - ganz im Gegenteil.