Als Liedermacher fast wieder so vital wie früher

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

27.11.2001

Quelle

Giessener Anzeiger

Autor / Interwiever

Albert Mehl

Wie man sich täuschen kann. Den Liedermacher Konstantin Wecker - gibt es den überhaupt noch? Nach Familien-Gründung und Drogen-Verurteilung schienen sich seine künstlerischen Aktivitäten auf die Vertonung von Brecht-Gedichten und ein Kinder-Musical zu beschränken. Und die 2000er-Tournee mit Hannes Wader war eine Beschwörung vergangener Zeiten. Doch es gibt ihn noch, den Liedermacher Konstantin Wecker! Der Auftritt in der Gießener Kongreßhalle hat alle Zweifler widerlegt! Auf der fünftletzten Station seiner "Vaterland"-Tournee machte der Ur-Bayer wieder einmal an der Lahn Station - sein Publikum, längst mit ihm in Ehren ergraut, strömte wieder zusammen. Es schien wie ein Nostalgie-Treffen in der bis in den kleinen Saal gefüllten Kongreßhalle. Es drohte eine selige Verklärung der 68er Generation. Doch wer zu diesem Zweck gekommen war, der wurde schnell enttäuscht. Zum Auftakt mit "Vaterland" neue Reime und Klänge und danach noch weitere Stücke aus den letzten Monaten des neu erwachten musikalischen Schaffens. Natürlich erfolgte auch immer wieder der Griff zurück in das seit 1972 reich gefüllte Repertoire seiner Lieder und Gedichte - doch alle in neuem Gewand und Arrangement. Die vierköpfige Begleitcrew mit dem noch jungen, aber schon Wecker bewährten Jo Barnikel sorgte zudem dafür, dass die Besucher nicht an die 70er oder 80er Jahre erinnert wurden, sondern eher die Musik ihrer Kinder erlebten. Die auf vielen Instrumenten glänzenden Youngster Gerd Baumann, Jens Fischer-Rodrian und Sven Faller zogen den 54-Jährigen kräftig mit, Fischer-Rodrian ("mein Tanzlehrer") animierte Wecker gar zu Hüftschwung und Tanzeinlagen. Das allein war es aber nicht. Trotz Schlaf- und Liebesliedern: Der bissige Wecker ist wieder erwacht. Dazu hätte es gar nicht der Hommage an Hans-Dieter Hüsch bedurft. Weckers Stimme ist zwar längst nicht mehr so kräftig wie früher und er fühlt sich auch nach dem 11. September nicht zu politischen Aussagen berufen. Doch er singt weiter gegen "Hexenverfolgung und Faschismus" und für "Liebe und Toleranz". Und er nimmt kein Blatt vor den Mund. In der dritten Version des "dummen Bub´" malt er in einer Schreckensvision seinen Sohnes als Redakteur bei RTL II, im aktuellen "Willy"-Text geißelt er "Dabbeljuh" Bush und die menschenverachtende Kriegspolitik der US-Regierung und wenn er den deutschen Sicherheits-Wahn mit seinen Folgen beleuchtet, lässt er kein gutes Haar an "Schily-Schill-Schröder". Konstantin Wecker ist im 21. Jahrhundert angekommen - vital und als Liedermacher!