Über drei Stunden Programm und zehn Zugaben in der Kongresshalle

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

29.11.2001

Quelle

Giessener Zeitung

Autor / Interwiever

Sabine Preisler

Konstantin Wecker meldet sich in Gießen vor über 1000 Fans eindrucksvoll zurück
Gießen (Kreis Gießen). Konstantin Wecker meldet sich eindrucksvoll zurück - als Widerhaken gegen das Saturierte, als genauso unbequemer wie poetischer Fragensteller, der "auch mit dem Herzen denkt", aber ebenso als Freund, der dem Publikum mit Liedern über die Schwermut ("Allein") oder humorvoll und voll erfrischender Selbstironie über das Älterwerden ("I bin oid") mitten in die Seele trifft. Mit seinem Programm "Vaterland" machte der leidenschaftliche Sänger und Pianist am Montagabend (26. November) in der Gießener Kongresshalle Station. Und rund 1000 Menschen ließen sich über drei Stunden und zehn Zugaben lang mitreißen.

In grauem Hemd, Jeans und ohne Scheu, auch die Brille einmal auf die Nase zu setzen, erschien Wecker vom ersten Moment auf der Bühne im Einklang mit sich selbst. Ein Gefühl, das auf die Zuhörer übersprang. Begleitet wurde er am Klavier und Keyboard von Jo Barnikel, seit neun Jahren musikalischer Begleiter des Müncheners. Wie gewohnt harmonisch und dynamisch ergänzten sich die beiden Meister der Tasten.

Gekonnt für Rhythmus sorgten Gitarrist Gerd Baumann, Jens Fischer (Gitarre und Schlagzeug) und Sven Faller (E-Bass und Kontrabass). Eine Bandbegleitung, die Akzente setzte, ohne die starke Ausdruckskraft der Wecker-Stimme zu übertönen. Erstmals seit fünf Jahren tourt der 54-Jährige aus Deutschlands Süden nach Brecht-Ausflügen und Musical-Erfolgen ins Lummerland damit wieder mit seinen eigenen so ursprünglichen Liedern durch Deutschland.

Und das Warten hat sich gelohnt. Wecker hatte melancholische neue Stücke wie das "Novemberlied" oder feinfühlige wie "Liebesdank" mit nach Gießen gebracht, alte Lieder neu arrangiert oder weiterentwickelt ("Fachmann II"), bot Kabarettreifes mit Tempo ("Es geht uns gut") und mischte Wecker-Evergreens vom "Leben am Strand, unter dem Blütenfall des Meeres" passend unter die neuen Songs. Auch kämpferische Teile aus seiner "Uferlos"-CD wie "Sagt nein", ein musikalischer Aufruf gegen Feigheit und Rechtsradikalismus, für Mut und Engagement, fehlten nicht.

Überhaupt mischt sich Wecker mit der Tour 2001 auch politisch wieder ein. Viele Jahre lang hegte und pflegte der Sänger die Scheu, sein "Willy-Lied" wieder und wieder zu singen. Mittlerweile hat er sich anders entschieden. Aktualisiert wurde das musikalische Zwiegespräch mit "Willy" am Montag zum politischen Austausch über den Sinn des Krieges, zur Frage, ob die Antiterrorgesetze nicht gerade die Demokratie zerstören, die doch verteidigt werden soll. Wecker liefert keine fertigen Antworten, seine Fragen an das "Vaterland" - "Macht es dir, wenn du rebellierst, zum freien Denken Mut?" - bewegen die Zuhörer mehr.
Doch Wecker wäre nicht Wecker, wenn er nicht auch dem Lachen und der Wärme Platz gäbe. Mit Hüftschwung jagte der bayrische Barde über die Bühne, peppte ein altes Lied mit "Heavy-Trash-Metal-Power-Pop-Reggae" auf, um das Publikum schließlich gemeinsam mit seinem italienischen Überraschungsgast Pippo Pollina und den Zeilen "heute spricht mal keiner den anderen schuldig" aus "Questa nuova realta" musikalisch in den Arm zu nehmen. Mit 50 Jahren beginnt das "Überlebenswerk", so hatte Wecker es gesungen. Ehrlich und mit Erfolg, das kann man zumindest über ihn sagen.