Oald wearn mer

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

29.11.2001

Quelle

Hannoversche Allgemeine

Autor / Interwiever

Alexandra Glanz

Uferlos: Konstantin Wecker präsentiert im Capitol einen Querschnitt aus seinem Repertoire und häuft schließlich Zugabe auf Zugabe.

Das bauchige Weizenbierglas steht rechts unter dem Flügel, gefüllt mit klarem Wasser. Bis zur Pause hat Konstantin Wecker es leer getrunken. Danach wird nachgeschenkt. Mag das Getränk nicht so recht zu diesem Kerl passen; das Gefäß stimmt.

Und der Mann, der stimmt auch. "Authentisch" heißt das heutzutage. Als hätte es nie eine Koks-Krise gegeben, jettet dieser Bayer aus Bassum drei Stunden über die Bühne von Hannovers Capitol und singt sich querbeet durch sein in 25 Jahren entstandenes Repertoire. Eines seine ganz neuen Lieder handelt davon, dass er alt wird. "I wear oald" heißt das dann. Und hört sich "saukomisch" an. Zumindest für die, die auch oald wearn. Und zu denen gehörten die meisten, die zum Konzert gekommen waren: fast durchweg Achtundsechziger, die ihrer Vergangenheit ausgesprochen ironisch gegenüberstehen. Besonders despektierliche Töne reserviert Wecker für Seelensongs wie "Mir geht´s beschissen". Wenn schon deutscher Blues, dann so.

Wenn Wecker die Politik betrachtet, wie in den "Unmöglichen Zeiten" seines Wiedervereinigungslieds oder seiner hellseherischen "Amerika"-Moritat, komponiert Anfang dieses Jahres, drischt Wecker hingegen so massiv in die Tasten des Flügels, dass sich nichts Poetisches näher traut - wie in seinem rundum erneuerten "Willy". Da ist nur noch blanke Wut über den politischen und gesellschaftlichen Ist-Zustand zu spüren.

So kennen wir ihn. Von früher und seit seinen "sadopoetischen Gesängen des Konstantin Amadeus Wecker", der ersten, 1972 wenig erfolgreichen LP, oder auch von seinem Album "Stilles Glück, Trautes Heim" von 1990. Das ist das Phänomenale an diesem leidenschaftlichen Musiker: Er singt mit einer Inbrunst, dass man nicht glauben will, dass er schon so lang im Musikgeschäft ist.

Am Augenfälligsten wird das, wenn die freundlichen Garderoben-Mädchen kurz nach Mitternacht ihren Arbeitstag gern beenden würden. Und der uferlose Wecker auf das eigentliche Konzert Zugabe auf Zugabe türmt: Weil er einfach gern (mit seinen vier exzellenten Musikern) sein Publikum unterhält und das seine Begeisterung auch würdigt - mit Klatschen non-stopp.

Am Ende hilft nur noch eins: ein Schlaflied, komponiert "für meine zwei Buam", Valentin Balthasar (4) und Tamino Gabriel (2).