"Jetzt erst recht!" Konstantin Wecker kommt heute in die Traumfabrik

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

29.11.2001

Quelle

Kieler Nachrichten

Autor / Interwiever

Alexander Wenisch

Nach Ausflügen ins Kindermusical (Jim Knopf und die wilde 13, Petterson & Findus) ist er jetzt auf Vaterland-Tour: Liedermacher-Urgestein Konstantin Wecker. Bevor er morgen abend mal wieder in der Traumfabrik Halt macht, gab er Auskunft über die Songs auf der neuen CD Vaterland, das Ende der Marktwirtschaft und die Melancholie des Älterwerdens.

Im Gästebuch Ihrer Homepage bedanken sich viele Fans für die Konzertabende ihrer aktuellen Tour. Sind Sie ebenso zufrieden?
Ja. Natürlich trägt mich die Begeisterung der Leute. Aber ich hatte auch selten ein Programm, das dramaturgisch so geglückt war und so gut in die Zeit gepasst hat. Ich wurde kürzlich von jemandem gefragt, der gehört hatte, dass viele Künstler momentan ihre Konzerte absagen oder Probleme haben, auf Tournee zu gehen. Und ich sagte: Wenn ich nicht ohnehin schon unterwegs gewesen wäre, dann wäre ich jetzt auf Tournee gegangen. Jetzt erst recht. Es ist viel zu lesen von Dankbarkeit für Ihre Lieder. Und das schon seit zwei Jahrzehnten.

Woher kommt diese anhaltende Faszination an Konstantin Wecker?
Ich glaube, dass die Leute froh sind, dass jemand den Mund aufmacht und Stellung bezieht. Und der ausspricht, was derzeit nicht unbedingt gängige Meinung ist, was aber anscheinend doch viele im Herzen tragen.

Sie engagieren sich mittlerweile im Netzwerk der Globalisierungskritiker Attac...
Ich bin ein Sympathisant und habe mich aus Solidarität im Internet als Mitglied eingetragen. Es ist aber nicht so, dass ich direkt an der Organisation beteiligt bin. Ich habe ja schon vor Jahren, schon vor Genua und bevor bekannt war, dass da eine neue Bewegung aufkommt, versucht, mich gegen diese perverse Herrschaft des freien Marktes zur Wehr zu setzen.

Das ist ja nicht unbedingt Ihr ureigenes Themen-Terrain.
Nun, ich habe mich in den letzten Jahren mit einem Gebiet befasst, das mir nicht besonders liegt, der Ökonomie. (Lacht) Denn ich bin überzeugt, dass die Marktwirtschaft ihre Schmerzgrenze erreicht hat. Wir müssen über Kapitalismus neu nachdenken.

Um auf ihre aktuelle CD zurück zu kommen. Sie klingt gereift und durchweg melancholisch.
Ja, das stimmt. Lieder wie das Novemberlied voller Schwermut sind momentan meine Favoriten. Ich glaube, es ist mir jetzt erst möglich, solche Lieder zu schreiben. Früher konnte ich die Schwermut als Schwester des Glücks nicht akzeptieren.

Es fehlen die lauten, empörten Aufschreie. Kritik und Ironie kommen zwischen den Zeilen vor.
Der empörte Aufschrei ist der Aktionismus des Zwanzigjährigen. Das sollte man von einem Fünfzigjährigen nicht mehr erwarten. Ich habe viel zu viel erlebt, als dass der empörte, oft undifferenzierte Aufschrei heute noch echt wirkte. Wir sehen an George W. Bush, dass Schwarz-Weiß-Malerei nichts bringt. Ich denke, es ist die Chance der Kunst, dieser Kategorisierung in Schwarz und Weiß entgegen zu treten.

Bunte Zeichen setzten Sie mit ihren Kinderprogrammen zu "Lukas der Lokomotivführer"...
Die Kinderwelt ist bunt, und je älter man wird, um so schwarz-weißer wird sie. Die Musical-Projekte sind daher Verneigungen vor Michael Ende. Wenn man zwei kleine Kinder hat, lernt man dessen Werke zu schätzen. Diese Arbeit, und die Erfahrung, mit welcher Verzückung Kinder darauf reagieren, möchte ich nicht missen. Ein Teil dieser Verzückung fällt auf einen zurück.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Je älter ich werde, um so wichtiger ist es mir, in der Gegenwart zu leben. Die Phase des Planens und Absicherns ist vorbei, wenn einem nicht mehr so viele Sommer bleiben. Es wäre für uns alle wichtig, zu leben wie ein Genesender, der gerade wieder gelernt hat, zu gehen. Aus Krisen lernen und gestärkt in die Zukunft gehen. Gerade weil wir weltpolitisch nahe am Abgrund stehen - denn wir leben im Krieg - ist es wichtig, sich auf das Leben zu konzentrieren, nicht nur auf das Materielle.