Hungernde Seele und satter Wanst

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

29.11.2001

Quelle

Rhein-Zeitung

Autor / Interwiever

Michael Schaust

Liedermacher Wecker mit Top-Band in Koblenz - Von Afghanistan bis zum Altern - Selbstkritisch, melancholisch, kämpferisch.

Mit dem Vaterland hat er´s schwer. Leicht macht es sich Konstantin Wecker mit dem stark emotional besetzten Thema keineswegs. Überhaupt: Er ist und bleibt unbequem, sagt und singt Dinge gegen den momentan politisch korrekten Komment. Afghanistan und der neue alte deutsche Patriotismus: Da bezieht der sanfte Rebell Position. Kostproben seines stämmigen bayerisch- deutschen Liedgutes bot er jetzt in Koblenz.

Die Rhein- Mosel- Halle ist fast voll mit mehr alten als jungen Fans, vielen Frauen. Der Mann ist halt ein viriler Typ. Sie wollen Streicheleinheiten und politisch Provokantes und bekommen es in reichlichen Dosen.

Da ist der Wecker, der ironisch wie selbstkritisch das Altern aufs Korn nimmt. Schwermut packt ihn, er hat den bayerischen Blues, Kampf und Optimismus müssen zurückstecken. Doch Wecker wäre nicht Wecker, würde er nicht gleich wieder in die Vollen einsteigen. Da zitiert er Kästner, seine böse Kritik am Kapital, lässt die Börsianer tanzen, eine bitterböse Watschen für die Spekulanten. Der Waffenhändler bekommt´s auch knüppeldick mit Tangotönen verpasst. Wie gut es uns geht, das zeige doch das Handy, die hundertfünf Programme im TV, abends der Sex, der Dope und der Brandy (Bravo Wecker: Du kehrst auch vor der eigenen ehemaligen Koks-Tür). Fazit: "Die Seele hungert, der Wanst wird satt."

Den Dummen- Bub- Zyklus schreibt der Vater eines kleines Kindes fort. Nun aus der Perspektive des Erzeugers. Welch ein Graus, der gute Junge wird Redakteur bei RTL 2.

Und da ist ja noch der Willi, sein Alter Ego. Im schleppend- bluesigen Sprechgesang, unbequeme Wahrheiten auftischend, beklagt der Unbeugsame das zweierlei Maß in der großen (US-)Politik. Er relativiert nichts. Terror ist Terror. Aber. Was vor dem schrecklichen 11. September richtig war, könne doch nicht danach plötzlich falsch sein: Die Mitverantwortung an der CIA- Aufrüstung der Bin- Ladens im Kampf gegen das "Reich des Bösen" und die Mitschuld der Weltmacht am elenden Zustand weiter Teile der Erde.

Bei aller Stärke vieler Texte, Weckers Stücke wären nur die Hälfte wert ohne die stark jazzig angehauchte wie experimentell klingende Musik. Sein kraftvolles Pianospiel in allen Ehren, seine junge Top- Band gibt dem Ganzen erst die richtige Frische. Da tanzt der oide Wecker, da rappt der Altachtundsechziger mit dem jungen Drummer.

Krönung der drei Stunden: Ein liebes Dankeschön auch an die treuen Fans, dass sie ihn mit all seiner Zerrissenheit ertragen haben