Von Liebe und Wut

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

07.11.2001

Quelle

Nürnberger Zeitung

Autor / Interwiever

Stefan Mössler

Da sitzt er nun, der Mann am Flügel, und hat viel zu erzählen: Von der scheinheiligen Trauer einer Gesellschaft, die ansonsten gerne die Augen schließt und schweigt, wenn Unrecht geschieht. "Wo war denn das Wutgefühl als in Rostock das Asylantenheim brannte, und wo war es, als in Ruanda Hunderttausende gemetzelt wurden?" Der Mann, der zuvor so sanft die Liebe besungen hat, ist empört.

Konstantin Wecker ist voller Energie und mit neuen Liedern wieder in der Republik unterwegs, um sich zu Wort zu melden. "Singend und ohne Reden zu halten." - So wie er es schon immer getan hat. Schließlich - so Wecker - hat ein Songpoet per Definition zu allererst von der Liebe und der Toleranz zu berichten.

Doch wenn es um die großen Themen von heute geht, sind Ausnahmen erlaubt. Deshalb muss er gerade in Zeiten, in denen Bomben fallen, wieder mal einen "alten Bekannten in seiner wohlverdienten ewigen Ruhe belästigen" und das Lied vom "Willy" aktualsieren. Ein Unterfangen, das spielerisch gelingt, da Wecker seine kreative Krise nach langen Jahren der Drogensucht endgültig überwunden hat. Auch die Massen erreicht er wieder: Die Nürnberger Meistersingerhalle ist nicht zufällig bis fast auf den letzten Platz mit aufmerksamen und begeisterten Zuhörern gefüllt.

Bei aller Nostalgie: Konstantin Wecker gehört eben zur Riege der Künstler, deren Meinung zur Gegenwart stets mit Spannung erwartet wird. Nicht nur, weil Wecker es versteht, zusätzlich noch musikalische Leckereien zu bieten. Dafür sorgen in Weckers kleiner, feiner Band nicht nur die beiden Nürnberger Jo Barnikel als Keyboarder "ohne Tastenneid" und Jens Fischer (Schlagzeug, Gitarre), sondern auch Gitarrist Gerd Baumann sowie Bassist Sven Faller.

Sinn-Fragen und Kabarett

Doch Wecker zeigt sich an diesem Abend nicht nur wütend. Die zentralen Sinn-Fragen zum "Vaterland" werden oft schon im Stil des Musik-Kabaretts geboten. Da dürfen dann "Die Börsianer tanzen", braungebrannte Väter sich ungehemmt vergnügen und der "Dumme Bub" als RTL II-Redakteur von der eigenen Talkshow träumen. Jenseits der Poesie geht´s eben auch weiter!

Zum Lachen ist das Ganze dennoch nur selten. Am Ende bleibt der "Wehdam", die bayerische Variante des Blues. Vor allem, wenn beim Blick in den Spiegel die Falten für Angstzustände sorgen ("I werd oid, was soll´s, i werd oid") - Aber alles halb so wild, solange der in Würde ergraute Konstantin Wecker mental der Alte bleibt.