Ein kerniger Blues aus dem Bauch

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

08.11.2001

Quelle

Augsburger Allgemeine

Autor / Interwiever

Christian Oita

Damit war nicht wirklich zu rechnen: Nach zwei moderat beklatschten Konzertstunden erjubelte sich das CCU-Publikum ein halbstündiges Zugabenset. Konstantin Wecker verweigert sich nicht. Immer wieder kommt er in Begleitung seiner phantastischen Band zurück, greift in die schwarz-weißen Tasten. Am Ende des Abends sind 25 alte, neue und zeitlose Lieder erklungen.

Jetzt, da der Schnee von gestern geschmolzen ist, beginnt auch das Eis bei den verunsicherten Fans zu brechen. Als Familienvater fand der ehemals berauschte Sängerpoet zur alten Form zurück, lieferte mit "Vaterland" wieder ein stimmiges Album. Derzeit bestätigt eine erfolgreiche Tour die These vom reanimierten Wecker. Im Congress Centrum weist der Mittfünfziger keinerlei Rostansatz auf. Zumindest musikalisch hat ihm die Zwangspause hörbar gut getan. Selten klang der Mann so fesch wie in der aktuellen Besetzung, samt wimmerndem Wurlitzer und unkonventioneller Percussion. An der Seite von Langzeit-Keyboarder Jo Barnikel sorgt vor allem Jens Fischer (Drums) für herrliche Interaktionen, fängt die fragilen Piano-Kaskaden des Chefs auf. Der hat seine stärksten Momente als Solist - wenn er plädiert, anklagt, sich engagiert - und streckenweise resigniert. Moderate Töne sind bei dem 68er immer noch die Ausnahme, aber es gibt sie. "I werd oid", klagt Wecker gleich beim dritten Titel ironisch. Ihm zuzusehen, wie er sich selbstversunken mit schmerzverzerrtem Gesicht die Liedermacher-Wunden leckt, ist der pure Genuss. Bei den Oldies wird die Lesebrille abgelegt. Unsicherheiten im Text gibt es bei "Wehdam" und co freilich nicht mehr.

Sobald der politische Overkill droht, sich die unbequemen Fragen häufen, wechselt der Chansonnier gekonnt das Thema. Dann flachst er mit den Musikern, hüpft leichtfüßig über die Bühne und spielt den bayerischen Blues, direkt aus dem Bauch. Neben einem rabenschwarzen Humor verfügt Wecker nämlich auch über das Handwekszeug eines Entertainers. Gegen Ende gibt es aber wieder was vom engagierten Liedermacher. Gott sei Dank. Denn das mahnende "Sag Nein!" gerät als beklemmendes Kabinettstück zum lauten Höhepunkt. Diese alte Aufforderung zum Kampf gegen Borniertheit, Machtmissbrauch und Radikalismus kriecht unter die Haut. Das Land der Dichter und Denker darf sich glücklich schätzen, einen Konstantin Wecker in seinen Reihen zu haben.