Ich singe, weil ich ein Lied hab....

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

08.11.2001

Quelle

Augsburger Allgemeine

Autor / Interwiever

Lilo Murr

Er ist sich treu geblieben. Die harte Zeit nach seiner Verhaftung, der Kokainentzug und sein Kampf gegen die verhasste bayerische Justiz haben Konstantin Wecker nicht mürbe gemacht. Der Mann hat eine Meinung und die trägt er auch vor. Drei Stunden lang hämmerte er am Dienstagabend in der Kongresshalle in die Tasten, hielt Zwiesprache mit "Willy" und ließ die "Börsianer tanzen". Über 1100 Besucher zog der 54jährige und seine vierköpfige Band in ihren Bann.

Wecker muss sein Programm nicht umstellen. "Ich singe seit über 30 Jahren für Liebe und Toleranz". Darum geht es noch immer, sagt Konstantin Wecker unter dem Beifall des Publikums und beginnt mit dem Titellied seines neuen Albums "Vaterland". Deutliche Worte, dazu die unverwechselbar klingende Stimme des Liedermachers und die interessante Musik seiner jungen, erfrischenden Band.

"Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht weil es euch gefällt...". Konstantin Wecker ist ein Mahner, ein Mann, der gerne den Blick hinter die Kulissen der mächtigen wagt und in Kauf nimmt, manchmal mit Songs gegen "Waffenhandel" als naiver Träumer gesehen zu werden, dem der richtige Durchblick fehlt.

Der Liedermacher, inzwischen zweifacher Vater, verpackt seine Botschaften musikalisch perfekt. Mit einem schräg klingenden Walzer etwa schickt er "Börsianer" in Richtung Abgrund. Im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen haben seine teilweise 20 Jahre alten Songs nichts von ihrer Aktualität und ihrem Reiz verloren. So auch der "Fachmann", der sich inzwischen als Rap präsentiert.

Doch der Bayer streut nicht nur Salz in politische Wunden, sondern gibt sich auch nach wie vor seinen Stimmungen hin wortgewaltig und treffsicher. Die Melancholie feiert Triumphe im "Novemberlied" und dem bayerischen Blues setzt er in "Wehdam" ein Denkmal.

Sein Unbehagen über die derzeitige politische Lage, sein Abscheu gegen die Terroristen von New York, seine Skepsis gegenüber der amerikanischen Politik, aber auch sein tiefes Mitgefühl für die Leidenden in Afghanistan bricht sich in einem Song wie "Amerika" Bahn. Warum hat niemand diesem armen Land in Asien vor 20 Jahren geholfen, fragt er unter dem Beifall der Zuhörer und zitiert aus dem Text einer indischen Autorin.

Wecker ist nicht ruhiger geworden, er bezieht noch immer Stellung und kämpft für die Schwachen. Und für Liebe und Toleranz. Denn Menschen, die lieben, sind weich und friedlich, so das Credo des 54jährigen.

Dass der Abend mit Wecker diesmal - musikalisch gesehen - besonders aufregend ist, liegt an den Begleitmusikern. Jo Barnikel, Gerd Baumann, Jens Fischer-Rodrian und Sven Faller tun dem alten Recken gut. Sie besitzen eine große Leichtigkeit und geben manchem Song des Grüblers Wecker eine besonders freche Note.