Die Wiedergeburt des Konstantin W.

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

10.11.2001

Quelle

Hamburger Abendblatt

Autor / Interwiever

Rolf Kasiske

Die Heimkehr von Vermissten hat etwas Anrührendes. So auch die Rückkehr des Liedermachers, Schauspielers und Sängers Konstantin Wecker auf die Bühne. Denn seit sich der Künstler Ende 1995 wegen seiner Drogensucht vor Gericht verantworten musste, hat sich die Fan-Gemeinde Sorgen gemacht. Würde sich Wecker nach einem exzessiven Leben, das ihn in der Münchener Spaßgesellschaft unter die Räder hatte kommen lassen, aus dem Schlamassel befreien können?

Sechs Jahre nach seinem Fall ist Konstantin Wecker wieder da. Kraftvoll und aufgeräumt hat er Mitte Oktober in Bielefeld seine Deutschland-Tournee gestartet, auf der er Songs seiner neuen CD "Vaterland" vorstellt, aber auch alte Stücke wieder aufleben lässt. Etwa eine Neufassung des Liedes für seinen Freund Willy.

Zahm geworden ist der Münchener Barde nicht. Die Umstände sind ohnehin nicht danach. Wecker, der irgendwann in den vergangenen Jahren beschlossen hat, die ihm vom Schicksal zugedachte Rolle eines poetischen Aufklärers anzunehmen, geht es um Grundsätzliches: um das "goldene Kalb", um eine Globalisierung, die das Armutsproblem ungelöst lässt ("Wenn die Börsianer tanzen"), die Versuchung der Selbstverliebtheit ("Wozu nur dies Gegockel und all die Angebereien?"). Er trifft mit scharfzüngigem Spott und poetischer Ausdruckskraft den richtigen Ton für eine härter und brutaler gewordene Zeit. Wecker, der das Antiglobalisierungsbündnis "Attac" unterstützt, ist kein billiger Prediger, der seine Botschaften unter das Volk bringt, ohne sie für sich selbst gelten zu lassen. Und er macht deutlich, dass seine andere Seite, die melancholisch-zarten Liebeslieder, durchaus vom selben Planeten handeln: "Ich glaube, dass meine wieder zunehmende Politisierung in den letzten Jahren mit meinen Kindern zu tun hat. Kinder sind dazu da, um glücklich zu sein. Überlegt man einmal, wie viele Kinder durch unsere Torheiten leiden, muss man zum Denken und Umdenken kommen."

Wecker selbst hat eine große Wandlung hinter sich. 15 Jahre Kokain- und Crack-Konsum hatten den deutschen Barden Mitte der 90er-Jahre in die Gosse abstürzen lassen. "Als Künstler suchte ich die Bewusstsein erweiternde Grenzerfahrung", sagt der Liedermacher. "Ich hatte eine Sehnsucht nach Spiritualität. Aber ein erweitertes Bewusstsein kommt ja nur durch ein Wiederfinden und Entdecken seines Selbst", weiß er heute. Wecker wurde damals von Wahnvorstellungen getrieben, mied auf dem Höhepunkt seiner Sucht alles Licht und lebte hinter zugezogenen Vorhängen. Seine Konzerte gerieten zu kleinen Katastrophen, wenn ihn die Kraft verließ und er während der Auftritte einschlief. Schließlich stand der Liedermacher nicht nur vor einem Berg von zwei Millionen Mark Schulden, er musste auch noch ins Gefängnis. Es folgten eine Drogentherapie, diverse Kontrollauflagen, schließlich ein Jahr und acht Monate Haft auf Bewährung sowie 100 000 Mark Strafe.

"Ich bin durch die Hölle gegangen", bekennt Wecker. Seither teilt er die Menschen in Höllenerfahrene und Zyniker ein. Wie sich Konstantin Wecker aus eigener Kraft von seiner Sucht befreien konnte, bleibt bis heute ein Stück weit rätselhaft. Immerhin verkündete er nach 16 Tagen Untersuchungshaft eine Art Wunderheilung. "Ein Albtraum ist zu Ende." Gerettet habe ihn in dieser Zeit, erzählt Wecker, "die Erinnerung an meine Kindheit, an den Sommer, an das Glück, das ich damals erlebte", sagt er mit Verehrung für seine Eltern.

Schon als Baby, erzählt Mutter Dorothea, sei der Bub in der Wiege exakt im Rhythmus mitgegangen, wenn er Musik hörte. "Später, mit fünf oder sechs Jahren, haben wir bemerkt, dass der Junge eine unwahrscheinlich schöne Stimme hatte. Die ersten Klavierstunden hat er mit fünf, Geigenunterricht mit acht. Im Alter von elf Jahren spielt er fehlerfrei vom Blatt, mit vierzehn lernt er Gitarre." Zuständig für die musikalische Erziehung ist vor allem Vater Alexander Wecker, ein Opernsänger, der überwiegend in München auftritt, viel Zeit zu Hause verbringt und Spaß daran hat, mit ihm berühmte Opernduette einzustudieren. "In Puccinis La Bohème" war ich die Mimi, mein Vater der Rudolf, ich war die Traviata, mein Vater der Alfred."

War der kürzlich verstorbene Vater im Reich der Musik die Autorität, war es bei der Dichtkunst Mutter Dorothea. Und die liebte über alles Rilkes Duineser Elegien. "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören." Rainer Maria Rilke, Georg Trakl, Gottfried Benn, das ist das mitunter kryptisch-melancholische, zuweilen schwer zugängliche geistige Futter, das die Mutter dem pubertierenden Konstantin auf den Weg gibt. Dieser versteht nicht alles auf Anhieb, aber er schwelgt darin mit den Sturz- und Höhenfahrten seiner Gefühle, weil ihn die Ahnung packt, dies ist große Dichtung. "Ich habe Rilke in dieser Zeit fortwährend kopiert, die Mädchen mochten das", sagt Wecker. "Ich habe eine krankhafte Vorliebe für geniale Vorbilder, obwohl ich weiß, dass sie einen manchmal auch lähmen können."

Wecker hat sich als Lyriker und Songschreiber längst von seinen literarischen Vorbildern emanzipiert. 24 CDs hat er seit den 70er-Jahren eingespielt. Doch nach der Bewältigung seiner Sucht war der Lyriker Wecker in seiner Kreativität blockiert. "Es war keine freiwillige Pause, sondern eine sehr schmerzhafte Zeit", gesteht er. "Wenn einem fünf Jahre keine lyrischen Texte einfallen, dann kommt Panik auf. Ich bin ja ein klassischer Liederschreiber im Sinne Schuberts. Erst muss der Text da sein, und dann wird vertont", präzisiert Wecker.
Unproduktiv ist Wecker aber während seiner Zeit als lyrischer Hungerleider nicht gewesen. Mangels eigener poetischer Eingebungen schreibt er Bühnen- und Filmmusiken, mal für Schillers "Räuber" im Kölner Schauspielhaus, mal für "Go, Trabi, go", für "Kir Royal" oder "Rossini".

Wecker hat "Lukas, den Lokomotivführer", auf der Tonleiter unter Dampf gesetzt, die Musik für ein Musical aus der Welt des braven Soldaten Schwejk geschrieben, Hannes Wader im vorigen Jahr auf einer Tournee begleitet und Brecht-Lieder neu vertont. "Fünf Jahre waren genug", sagt der Schauspieler und Liedermacher über diese Phase mit einem Seufzer der Erleichterung. "Es war wieder Zeit für was Eigenes."

Seine Tournee ist im besten Sinne eine Rückkehr zum "alten" Wecker. "Es gibt kein richtiges Leben im falschen", heißt es in einem der Wecker-Songs. Doch das auf seinen Ursprung zurückgeführte Multitalent ist ein lebendes Dementi dieser Phrase aus den 60er-Jahren. Auch in einer unvollkommenen Welt kann man Verantwortung übernehmen, kann man Rechtsradikalismus und Intoleranz die Stirn bieten.

Der Sänger, der seine Energie wie ein Berserker in den Bösendorfer-Flügel drischt, der nach jedem Bad in der Menge wie ein Boxer nach dem Kampf dampft, dem der Schweiß von der Stirne rinnt und der maskuline Präsenz stets mit romantischen Tönen zu verbinden weiß, dem die Frauen gerne in die Garderobe und auf das Bettlager folgten, sagt heute: "Irgendwann erkennt man, dass sich im Leben nur dann neue Ausblicke, neue Perspektiven eröffnen, wenn man alte Verhaltensweisen in sich sterben lässt. Sonst bleibt man ein Gefangener seiner eigenen, engen Welt."

Wo immer Konstantin Wecker in diesen Wochen die Konzertsäle füllt, wird er mit Ovationen überschüttet. "Das schönste Kompliment für mich ist es, wenn mir meine Zuschauer sagen, ich würde ihre geheimsten Wünsche in Worte fassen. Das ist das Größte und Einzige, was man mit Gedichten bewirken kann: Jemanden zu sich selbst hinführen", sagt ein glücklicher Barde, der wieder ganz bei sich ist.