Zurück aus dem Keller

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

14.11.2001

Quelle

Süddeutsche Zeitung

Autor / Interwiever

Ingeborg Schober

Fünf Jahre hat Konstantin Wecker gebraucht, um nach Drogenabsturz und Entzug zum eigenen Lied zurückzufinden. Zwar überfiel ihn während der Rekonvaleszenz ein fast fieberhafter Schaffensdrang, der zu Brecht-Vertonungen, Musicals, Kinderliedern, Büchern und einer ungewöhnlichen Tournee mit Kollege Hannes Wader führte, aber der Weg zum aktuellen Album "Vaterland" war steinig. Dafür watscht der selbst so abgestrafte Vorzeigebarde zwischen melancholischen Novembertönen mit Swing, Scherz, Satire und Ironie auch ein paar Zeitgeister ab: geldgeile Börsianer, zynische Globalisierer und eindimensionale Fachidioten. Am heutigen Mittwoch, 14. November, tritt Konstantin Wecker mit seiner jungen Band im Circus Krone auf.

SZ: Sehen Sie sich noch als Identifikationsfigur Ihrer Generation?

Wecker: Ich stelle fest, dass sich interessanterweise die Jüngeren identifizieren. Als ich zum Beispiel auf dem Marienplatz gesungen habe, habe ich mich gewundert, dass die jungen Leute meine Texte kannten. Ich denke, ich habe mehr Probleme mit den Gleichaltrigen. Weil die sich mit dem Erreichten sehr zufrieden geben. Mein ganzer Zusammenbruch hat sich auch unter diesem Aspekt geäußert. Ich habe gemerkt, dass ich völlig neu anfangen musste, bei unter Null, im Keller.

SZ: War das eine neue Chance?

Wecker: Eine große Chance. Es war ja nicht allein die Droge, die mich kaputt gemacht hat. Meine ganze Lebensweise war es. Ich habe mich am Schluss kopiert. Ich habe irgendwie gewusst, was vom Wecker erwartet wird, und dadurch vieles übersteigert. Ich habe zu viel geschwitzt, war zu laut, zu aggressiv, und am Schluss habe ich gemerkt, dass ich so nicht mehr weiterkomme.

SZ: Wann merkt man, dass man wieder man selbst ist?

Wecker: Das hat ein paar Jahre gedauert. Damit meine ich nicht nur den Entzug. Ich musste etwas Neues entdecken. Unter anderem auch, dass es in dieser in Anführungszeichen "normalen" Lebensweise spannende Abenteuer gibt. Das dauert schon eine lange Zeit. Vor allem, bis die Freude wiederkommt. Freude ist ja etwas, das von innen heraus kommt. Und die war weg. Das hat mich auch zu einer ganz nüchternen Beschäftigung mit der Schwermut gebracht. Es heißt auch zu schnell Depression - das ist ein medizinischer Ausdruck. Darum habe ich lieber das Wort Melancholie oder Schwermut, denn damit ist man ja kein medizinischer Fall, der behandelt werden muss.

SZ: Wollten Sie mit den Brecht- und Kinderliedern erst einmal eine neue musikalische Heimat finden?

Wecker: Meine Sehnsucht war, dass endlich die Lieder wieder passieren. Und die sind nicht passiert. Ich wollte aber trotzdem wieder arbeiten. Der Brecht war ganz pragmatisch. Ich habe mir den ausgesucht, weil ich ihn mag und man ihn gut vertonen kann. Bei allen Schwierigkeiten, die ich hatte, funktionierte das Arbeiten im nonverbalen Raum. Denn das Wort ist ja heimtückisch. Um ein Lied zu schreiben, musst du den nonverbalen Raum mit Worten ausfüllen. Ich habe zwar viel geschrieben, aber das waren Bewältigungslieder. Die wollte ich nicht in die Welt hinausschreien. Das habe ich ja lange genug gemacht.

SZ: Was wird denn jetzt aus diesem, unserem Vaterland?

Wecker: Warten wir mal ab, was bei der nächsten Wahl passiert. Da werden ganz dumpfe Gefühle geschürt, heimtückischerweise von Leuten, die gar nicht sooo viel mit dem Vaterland zu tun haben. Das ist auch eine Ware, mit der gehandelt wird. Wir werden zurückfallen in ein egozentrisches Weltbild.

SZ: In unsicheren Zeiten kann man sich wenigstens am Begriff Vaterland hochziehen.

Wecker: Das ist auch die Gefahr. Wenn du heute ein Gegner des neoliberalen Wirtschaftssystems bist, wirst du schnell vereinnahmt von den Ultrarechten. Das ist ein Grund, warum so viele Intellektuelle anfangs den Mund gehalten haben. Aber diese Gefahr muss man eingehen. Ich kann das Thema nicht ignorieren, nur weil die Rechten sich damit auch beschäftigen. Aber beim Thema Vaterland liegen wir ja deutlich auseinander.

SZ: Wie fällt das Liveprogramm aus?

Wecker: Ich werde die gleiche Mischung machen, die in meinen besten Programmen funktioniert hat: Lieder, die mir am Herzen liegen, und welche, die aus dem Publikum gewünscht sind. Ich glaube, es gibt wunderbare Momente in Konzerten, wo das Publikum nicht klatscht, sondern nur still ist. Es hat mal einer gesagt, der größte Beifall für den Künstler ist die Stille. Den Jubel kann man auch mit billigeren Sachen erzeugen. Aber die angespannte Stille nicht. Ich will schon, dass es sehr lustvoll wird, ich will niemanden mit politischen Aussagen erdrücken. Ich habe aber das Gefühl, ich renne im Moment bei meinem Publikum - und hoffentlich ein paar mehr - eh offene Türen ein.

SZ: Der Vorwurf an viele Liedermacher lautet, es lauschen ihnen nur die, die es ohnehin schon wissen.

Wecker: Die es eh schon wussten, sind ja auch verunsichert. Das normale Publikum arbeitet nicht in einer Branche, wo es so einfach ist, Geistesfreunde zu finden. Die sind allein mit ihren Gedanken und freuen sich tierisch, mal wo hinzukommen, wo 300 Leute sitzen, die der gleichen Meinung sind. Es ist irrsinnig zu glauben, dass ich einen Andersdenkenden umkehren könnte - etwa auf einer CSU-Tagung.