Steh auf und sag: Nein!

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

20.11.2001

Quelle

FAZ

Seiner Freundin, der bayerischen Allround-Künstlerin Lisa Fitz, gratulierte Konstantin Amadeus Wecker zum 50. Geburtstag mit den Worten: "Mit 50 Jahren hat man sein Lebenswerk abgeschlossen!" Und er fügte hinzu: "Ab jetzt beginnt das Überlebenswerk!" Er selbst ist heute 54 Jahre alt. Fünf Jahre Gerichtsmarathon wegen Kokainmißbrauchs liegen hinter ihm, keine künstlerische Pause im eigentlichen Wortsinn. "Irgendwann war die Droge nur noch ein Symbol meiner Verhärtung. Ich habe begonnen - und das war das Schreckliche für mich - mich zu kopieren", sagt Wecker heute. Nun war er durchaus nicht untätig in dieser Zeit. Für seinen fieberhaften Schaffensdrang war dieser stiernackige Bühnenmensch schon immer bekannt: Brecht-Texte hat er vertont, an Musicals und Kinderliedern hat er in der Zwischenzeit mitgearbeitet.

Jetzt aber meldet Wecker sich mit seinem neuen Werk "Vaterland" zurück, das nach fünf Jahren überlebensgroß an die Qualitäten anknüpft, die ihm bereits Ende der siebziger Jahre zum Durchbruch verholfen hatten. Mit dem Titelsong seines neuen Albums eröffnet er sein Konzert in der Aschaffenburger Stadthalle: "Was ist das nur, ein Vaterland, in welchen Grenzen wohnt es?" lauten die ersten Zeilen, die er an diesem Abend singt. Ruhig, aber nicht verhalten klingt seine Stimme. Fragend singt er sich in den Text hinein, besonnen und reflektierend im Tonfall. Seine Stimme strahlt dabei mehr als je zuvor nach innen. Wo ist seine barocke Urwüchsigkeit geblieben? Dann dreht er, am Flügel sitzend, seinen Kopf nach rechts zum Publikum und raunt: "Ein ganzes Land als Vater war schon immer eine Lüge." Das sitzt. Der Saal bebt.

Konstantin Wecker ist wieder da, wie in seinen besten Zeiten. Nun waren Wecker-Konzerte schon immer auch, aber nie nur politische Veranstaltungen. Er selbst sieht sich als Künstler und Musiker, nicht als Politiker. Er ist daneben Zyniker, Humorist, Schauspieler und Kabarettist. Er singt und spricht über die Spaßgesellschaft, zieht die Börsianer durch seinen bitteren Kakao, schimpft über die Bush-Familie und fordert das sofortige Ende des Krieges in Afghanistan. "Ich brauche keine Psychiater", sagt er zwischen zwei Liedern, "ich habe ja Sie: mein Publikum." Das Bühnenlicht wechselt von Blau ins Violett. Dann folgt "Wehdam", ein bayerischer Blues, wie er nur aus Weckers Feder stammen kann. Seine Begleitmusiker sind diesmal ausnehmend jung. Jo Barnikel an den Keyboards, der schon seit zehn Jahren mit Wecker zusammenarbeitet, Gerd Baumann als exquisiter Gitarrist, Jens Fischer-Rodrian am Schlagzeug und Sven Faller, der zwischen Kontrabaß und E-Baß wechselt, sind Garanten für das musikalisch außergewöhnlich hohe Niveau des Abends.

Den "Waffenhändler Tango" singt er wie vor 20 Jahren, und auch der Dialog mit seinem alten Freund "Willy" bleibt nicht aus. Den großen Applaus aber schenkt ihm das Publikum, als er zu seinem "Ambiente-Heavy- Metal-Trash-Power-Pop-Reggae" ansetzt. Es ist ein musikalisch- kabarettistisches Bonbon, mit dem er sich als begnadeter Tänzer der Jugend die rudernden Arme reicht. Vor den Zugaben singt er: "Steh auf und sag: Nein!" Man muß nicht zu jedem seiner politischen Kommentare ja und amen sagen, um dieses Konzert als grandioses Comeback eines heller denn je leuchtenden Weckers zu werten. (Konstantin Wecker gastiert am 19. November in der Alten Oper in Frankfurt.)