Kraft der Courage: Wecker in Weimar

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

23.10.2001

Quelle

Thüringer Allgemeine

Autor / Interwiever

Ute Rang

Singt er sein Lied "Amerika"? Mit dieser bangen Frage gingen viele Besucher in die ausverkaufte Weimarhalle, um Konstantin Wecker auf der ersten großen Tournee seit Jahren mit einem endlich neuen Album zu hören. Es heißt "Vaterland". Das sagt schon viel. Und "Amerika"? Und diese Zeit überhaupt?

Er beginnt eindrucksvoll mit seinem Lied "Vaterland". Aber dann? Hält er womöglich eine Rede? Den Teufel tut er, obwohl er die Bedenken von Freunden vorträgt und über den Abend auch die eigenen Zweifel, Irritationen. Dies natürlich in Liedern. Zu Beginn sagt er schlicht die Wahrheit: Ich singe seit 30 Jahren gegen Hexenverbrennung, Kreuzzüge, Faschismus, für Liebe und Toleranz. Ich muss jetzt nichts ändern. Ich singe, weil ich ein Lied hab.

Also singt er, streichelt und hämmert das Klavier, hält inne, jagt los, zelebriert köstliche Ironie und legt im nächsten Lied die Seele bloß. Er gibt dem Wahnsinn eine Gestalt, kann im Bayrischen Blues leiden, führt mit "Ich lebe gern am Strand" in die Vergangenheit, trägt süffisant eine Spielart von Trashpopreggae vor und wohnt der Obduktion im Café Größenwahn bei. Konstantin Wecker ist wieder da. Und wie. Mit 53 Jahren kehrt er nach einigen Zwischenspielen angriffslustig, ungeheuer stark, instinktsicher und sehr poetisch zu seinem Publikum zurück. Er ist politisch wie in bester 68er-Zeit, damals auch als er den Willi erfand. Vom Willi kommt er offensichtlich nicht mehr los. Er hat ihn erneut im Grabe geweckt und ihm gestanden: Ich bin genau so verwirrt wie alle anderen. Ich habe auch keine Lösung, ich muss jetzt einfach mit einem reden. Und dann redet er, komprimiert Seele und Herz und Verstand in scharfe Worte und Vergleiche, deren Weltsicht das Publikum erreicht und anrührt, zum Beispiel: "Wenn das Böse mit diesem Krieg wirklich ausgerottet würde, käme dann die Katholische Kirche nicht in eine Sinnkrise?" Mit dem lauten Nachdenken am Klavier entfacht er ein Feuerwerk der Courage. Natürlich, er ist älter geworden und etwas melancholischer. Und seine alten Lieder, die er immer noch singt, sind erstaunlich aktuell. Er singt aber auch von den Blättern im Herbst, den Gründen, nicht zu leben, schlägt Brücken und lässt die Börsianer tanzen. Das Musikalische funktioniert voller Feuer, Freude und Präzision. Konstantin Wecker ist mit Jo Barnikel, Jens Fischer, Gerd Baumann und Sven Fallers von begnadeten Musikern umgeben. Gemeinsam und mit einiger Freude stehen sie auch die Zugaben, die eine geschlagene Stunde füllen, durch.

Und genau da singt er, nach lautstarkem Publikumswunsch, endlich sein "Amerika".