Leise Anfragen nach Innen, laute Anklagen nach Außen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

26.10.2001

Quelle

Mitteldeutsche Zeitung

Autor / Interwiever

Thomas Altmann

Er singt noch immer für die, die entwertet werden durch die schlichte "Tatsache, dass sie kein Geld sind". Fühlt sich wohl im Kreise derer, die "sich selbst verschenken", feiert, träumt und triumphiert mit denen, die seitlich kippen. Für seine mächtige Lyrik gegen die Macht braucht er noch immer die Ewigsatten, den Pfahl außerhalb der Seele und die Ignoranz des Geldes. Nur er trägt "überm Anzug jetzt Dessous".

Aber Konstantin Wecker kann ganz anderes nach außen kehren. "I wird oid" singt er auf seiner neuen Platte "Vaterland". Und wer ihn am Donnerstag im Steintorvariete in Halle erlebt hat, glaubt ihm nicht. Wer Heimat da sucht, wo man "für Augenblicke nur, sich endlich selbst begegnet", bleibt in Bewegung, auch wenn die Jahre vergehen. Konstantin Wecker trägt noch immer keinen Anzug. In Hemd und Hose sitzt er am Klavier.

Jo Barnikel, Gerd Baumann, Jens Fischer-Rodrian und Sven Faller haben die gleiche Lust am Musizieren. Auf kleine Gesten folgen die Wechsel der Rhythmen. Gespielt wird Blues und Jazz, Klezmer und ganz viel Wecker. Dieser tanzt, spielt, singt und lacht, weil er den Text vergessen hat. Und dann lacht er über das Lachen, bis der Musiker, der die Begleitung diesmal singt, auch nicht mehr kann.

Wecker live - das ist unbedingt ansteckend. Das ist der alte neue Wecker, der die Schwermut in schlichten Reimen und fleischlichen Bildern besingt. Die Melancholie des Novemberliedes erdrückt nicht. Sie weckt eher Lust darauf, traurig zu sein, ohne zu lamentieren. Ganz so, als ob man es genießen solle, dass man "sich im Herbst auch Trauer schenkt". Dass Wecker Bankiers nicht unbedingt zu den Lebendigen zählt ist nicht neu. "Wenn die Börsianer tanzen", geschieht dies noch in süßlicher Ironie und mit vordergründiger Sinnlichkeit, die er den Herrn sonst nicht zutraut. Die Fronten sind klar und hart.

Reich sein ist für ihn längst kein Laster mehr, sondern ein Verbrechen. Und deshalb unterhält er sich auch wieder mit Willy, der längst begraben wurde, aber immer wieder erschlagen wird. Für das Konzert hat er den "Willy III" aktualisiert. Entsetzen und Trauer über den sinnlosen Tod in Amerika folgen nicht Anfragen, sondern massive Anklagen. Warum etwa richte sich die medial transportierte Trauer nicht auf die täglich Verhungernden. Und wenn schon Armeen gegen das Böse, dann auch gegen die Deutsche Bank.

Sein Blick auf Außen ist längst nicht so differenziert wie der nach innen. Und dieser Blick, der gerade nicht selbstgerecht daherkommt, begeistert, auch wenn er leise ist - lebendig eben auch ohne Dessous.