Heimgekehrt zu sich selbst

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

27.10.2001

Quelle

Fränkischer Tag

Autor / Interwiever

Birgit Abraham

Der wortgewaltige Poet und Musiker Konstantin Wecker in Bamberg

Das Publikum kennt ihn von früher, und es hat sich schon herumgesprochen, dass er wieder ganz der alte von damals ist, heimgekehrt zu sich selbst. Bamberg war diese Woche eine von 32 Stationen, in denen der nonkonformistische Liedermacher seine aktuelle CD "Vaterland" vorstellte.

Erschreckend, wie Lieder, die vor 20 Jahren entstanden sind, heute den Nagel auf den Kopf treffen. Wecker sinniert über den Hochmut der prächtigsten Türme, die in Staub und Asche zerfallen "Ich singe seit 30 Jahren gegen Faschismus, für Liebe und Toleranz", sagt er und äußert Verständnis für die Trauernden der Anschläge des 11. September. Freilich sei es befremdlich, dass in diese Trauer nicht auch die Opfer des Golfkrieges oder die Tausende, die täglich in der Dritten Welt verhungern, mit eingeschlossen seien.

Wecker hat einen politischen Standort, aber er spricht nicht als Politiker zu den Zuhörern, sondern als wortgewaltiger Poet und exzellenter Musiker. Mit seinem lauten Nachdenken am Klavier baut er Brücken zu ihnen hinüber, seine Verse werden zu Widerhaken in ihren Köpfen. Wie in bester 68er Zeit fordert er sie zur Courage gegenüber der staatlichen Obrigkeit auf, kritisiert den ewigen Kreislauf der Rüstungsindustrie oder die Börsengläubigkeit. Und dies alles geschieht musikalisch mit einem Höchstmaß an Abwechslung und Experimentierfreudigkeit: Mal besingt er das Vaterland ganz pathetisch, mal verjazzt er die Werkzeuge des Krieges, mal lässt er die Börsianer im schrägen Dreivierteltakt zum Endzeitreigen antreten.

Neben der großen Politik findet sich auf der neuen Wecker- CD auch die kleine, die ganz persönliche Auseinandersetzung mit Seelensituationen, die jeder von uns kennt: die Angst vor dem Älterwerden, die November-Depression ("nun stürzt man mit den Blättern ab"), die Schwermut als "Schwester des Glücks", und alles absolut schmalzfrei und ohne Selbstbeweihräucherung. Vor allem bei den Liebesliedern zieht Wecker sein Publikum in seine melancholisch-zarte Poesie, die sich durchaus mit großer Lyrik messen kann. Er ist sentimental, voller Wut, zeigt sich verwundbar und vergisst nicht die Selbstironie und den Witz.

Die Farben der Scheinwerfer wechseln zurückhaltend mit den Stimmungen, und sein ambitioniertes Musikerteam lässt sich mitreißend auf Spiel und Spontaneität ein. Während der Zugabe verjüngt sich der vielseitige Künstler noch einmal bei einem rapartig vorgetragenen Sprechgesang, muss dann aber wegen seiner angeschlagenen Stimme leider (und man glaubt es ihm) "bereits" nach kurzen zweieinhalb Stunden aufhören. Mit der wärmenden Melodie von "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" gehen alle in die kühle Oktobernacht hinaus, aber das Frösteln ist rein äußerlich.