ein ganzes Land als Vater ist eine Lüge

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

30.10.2001

Quelle

Augsburger Allgemeine

Autor / Interwiever

Holger Sabinsky

Wenn die Welt aus den Fugen gerät, sind Liedermacher gefragt, die etwas zu sagen haben - einer wie Konstantin Wecker. Nach fünf Jahren Pause ist der populäre Künstler nun wieder unterwegs und wird auf seiner neuen Tournee "Vaterland" quer durch die Republik gefeiert. Wir bekamen Wecker zwischen zwei Auftritten an den Telefonhörer.
Frage: Warum sollte ich eines Ihrer "Vaterland"-Konzerte besuchen?
Wecker: Viele sagen, ich sei wieder ganz der Alte. Das freut mich einerseits, wenn es heißen soll, ich habe dieselbe Vitalität und mische mich wieder genauso in das Zeitgeschehen ein wie früher. Ich musste fünf Jahre warten, bis mich die Texte wieder "erwischt" haben. Manchmal kalt erwischt, aber ich mag es, von meinen Versen überrascht zu werden. Musikalisch aber habe ich wieder experimentiert.
Daher bin ich mit Musikern auf Tour, die jung, feinfühlig und intelligent musizieren (Jo Barnikel, Keyboards; Gerd Baumann, Gitarre; Jens Fischer-Rodrian, Percussion; Sven Faller, Kontrabass, d. Red.).
Frage: CD, Titelsong und Tournee heißen "Vaterland"? Wollen Sie für oder gegen Ihre Heimat kämpfen?
Wecker: Weder noch. Ich kämpfe gegen jede Form von Nationalismus, also nicht gegen mein Vaterland. Das wäre ja schon wieder eine Abart von Patriotismus. Mir war klar, dass der Titel polarisieren wird. Das Thema wird im nächsten Wahlkampf brutal ausgeschlachtet werden. Da wird auf Stammtische geschielt, da werden ganz dumpfe Emotionen frei. Man sollte sich in aller Ruhe mit dem Begriff "Vaterland" auseinander setzen und ihn gegen den Begriff "Heimat" abgrenzen. Ich leiste mit dem bedächtigen Lied dazu einen Beitrag. Zum Schluss heißt es: "Mir reicht mein Vater zur Genüge, ein ganzes Land als Vater war schon immer eine Lüge."
Frage: Heißt das, der "echte", politisch engagierte Wecker ist zurück?
Wecker: Schon. Ich will zumindest ein Zeichen setzen. Ich bin momentan kämpferischer und politischer als in den vergangenen 15 Jahren.
Frage: Wollen Sie den Geist der 68er in der heutigen Zeit wieder zurückhaben?
Wecker: Nein, ich kenne die Fehler der 68er genau, ich habe harte Kämpfe mit ihnen ausgefochten. Zu ihrem Untergang ist auch etwas geworden, wovor ich immer gewarnt habe: Vom Freien, Anarchischen, Erfrischenden sind sie zu einem dogmatischen, sich nicht mehr selbst überprüfenden Kaderwesen mutiert.
Frage: Wie gehen Sie mit den aktuellen Ereignissen um?
Wecker: Man muss sich auch nach dem 11. September kritische Gedanken über Amerikas Politik machen dürfen. Ich habe schon immer gegen Intoleranz und Faschismus gekämpft. Propaganda darf nicht das Andersdenken verbieten.
Frage: Sie sprechen in einem neuen Lied angesichts des jüngsten Geschehens zum dritten Mal ihren toten Freund "Willy" an, der von Neonazis umgebracht wurde. Taugt der noch fürs neue Vaterland?
Wecker: Ich verwende nur das Stilmittel "Willy", um über Aktuelles zu räsonieren.
Frage: Sind Drogen noch ein Thema?
Wecker: Nein. Das war nur anfangs ein Problem. Ich lebe seit fünf Jahren ohne irgendeine Form von Drogen. Eine lange Zeit - deshalb thematisiere ich das nicht mehr. Die Leute sollen ins Konzert gehen und sehen: Hier ist einer, der hat wieder eine klare Birne.
Frage: Sie haben zwei kleine Kinder. Wie oft packt Sie auf Tour das Heimweh?
Wecker: Ich bin ein unsteter Mensch. Daher habe ich nicht Heimweh nach einem Ort. Wohl aber Sehnsucht nach meinen Kleinen. Fünf Tage sind die Schmerzgrenze. Dann muss ich Frau und Kinder treffen.
Frage: Und Ihre weiteren Pläne?
Wecker: Zunächst bin ich sehr froh: Die neuen Texte, die Tour, die neuen Lieder drücken so ganz und gar mich aus. Selbst wenn die Hallen wieder leerer würden, würde ich nicht aufhören zu singen.
Frage: Singen, solange Sie ein Lied haben?
Wecker: Genau.