Er mischt sich immer noch ein

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

30.10.2001

Quelle

Trierische Volksfreund

Autor / Interwiever

Jörg Lehn

Konstantin Wecker ist wieder da: Nach fünfjähriger Pause meldet sich der bayerische Liedermacher auf einer "Vaterland"-Tournee zurück. Mit seiner jungen Band begeistert er über 500 Zuhörer in der Hermeskeiler Hochwaldhalle.

"Ich singe seit dreißig Jahren gegen Hexenverbrennung, Kreuzzüge und Faschismus, für Liebe und Toleranz. Was muss ich da ändern?" Gleich nach "Vaterland", dem Titelsong seiner neuen CD, weist Wecker die Forderung zurück, gerade jetzt Stellung zur politischen Weltlage beziehen zu müssen. Denn Stellung bezieht er seit eh und je, an seinem angestammten Platz, am Klavier: "Ich werde singen, weil ich ein Lied hab´!" Und dabei gerät er über sich selbst ins Grübeln: "Es ist erschreckend, wie aktuell das ist, was ich vor zwanzig Jahren geschrieben habe." Zum Beweis folgt sein altes Lied "Im Namen des Wahnsinns", das genau so gut auch vom neuen Album stammen könnte.

Er hat den alten Biss nicht verloren
Wecker wettert, poltert, rüttelt auf, "mischt sich ein, sagt nein!". Er fordert zornig Zivilcourage, mehr Menschlichkeit und macht Meinung gegen Rüstungsindustrie und Ausländerhass. Die Banker kriegen im neuen Lied "Wenn die Börsianer tanzen" ebenso ihr Fett weg wie das Privatfernsehen mit seinem nur an hohen Einschaltquoten ausgerichteten Angebot.

Das rund dreistündige Konzert in Hermeskeil zeigt ganz deutlich: Auch mit 54 Jahren hat Konstantin Wecker seinen jugendlichen Biss nicht verloren. Selbst den alten "Willi" scheucht er noch einmal aus seiner wohlverdienten Grabesruhe auf. Das neue Zwiegespräch mit dem toten Freund wird zu einer wütenden, wortgewaltigen Doppel-Anklage: Nach den "wahnsinnigen, entsetzlichen Verbrechen vom 11. September" habe sich geradezu ein "öffentliches Trauer-Management" entwickelt. Aber wo sei die Trauer nach der Ausländerhatz in Rostock gewesen, oder als in Ruanda Millionen Menschen niedergemetzelt wurden? Bomben und Brot für Afghanistan als Lösung? Warum haben wir dieses Land denn nicht schon vor zwanzig Jahren mit Lebensmitteln versorgt? Und immer wieder von Beifall unterbrochen, lautet das Fazit seines lauten Nachdenkens am Klavier: "Wesentlich hat sich nichts geändert nach dem 11. September. Es sei denn, wir ändern uns!"

Doch der politische, engagierte Mensch ist nur die eine Seite des Konstantin Wecker. Die andere - die melancholische, zärtliche, aber auch lebenslustige und selbstironische - zeigt sich in den übrigen Songs des Programms. Da fehlen neben den Liebesliedern nicht die Seitenhiebe auf die alten Achtundsechziger. Oder das Kokettieren des Poeten und Barden im Song "I werd oid" mit seinen 54 Lebensjahren. Viele Lacher erntet Wecker während des Stücks von den sichtlich amüsierten Zuhörern, er unterbricht den Gesang und wendet sich direkt an sie: "Ich spiele das Lied ja öfter, aber so gut wie hier ist es noch nie angekommen!"
Sänger und Publikum stacheln sich gegenseitig an, und so ist Wecker "gut drauf" in Hermeskeil: Er sprüht vor Witz, tanzt, präsentiert sich in einer umjubelten Zugabe gar als Rapper - und lacht und lacht. Und das sehr oft an diesem Abend: Mal weil er den Text vergessen hat ("Ich komm´ da immer selber durcheinander mit dem Vorspiel!"), mal weil er die Einlage seiner Mitmusiker einfach urkomisch findet und die dann einfach auch nur noch mitlachen können.

Seele, Schwermut und bayerischer Blues
Doch im nächsten Moment legt Wecker wieder die Seele bloß, singt über die Schwermut, die "Schwester des Glücks", oder bietet mit "Wehdam" einen bayerischen Blues. Auch Hommagen an seine Freunde Dieter Hildebrandt (in einer "Trash-Pop-Reggae"-Version!) und Hanns Dieter Hüsch fehlen nicht. Musikalisch wird Wecker unterstützt von seinen hervorragend aufgelegten jungen Mitstreitern Jo Barnikel an den Keyboards, Gerd Baumann an Gitarre und Flügelhorn, Jens Fischer-Rodrian (Percussion) und Sven Faller am Kontrabass. Ob Blues, Boogie, Swing oder schräger Dreivierteltakt: Ihre Spielfreude ist offensichtlich. So will das Publikum die fünf Musiker denn auch gar nicht von der Bühne lassen und erklatscht sich insgesamt eine rund 45-minütige Zugabe.

Über seinen früheren Kokainkonsum oder die nachfolgende Bewährungsstrafe verliert Konstantin Wecker an diesem langen Abend kein Wort. Und das bitterböse Lied "Amerika" vom aktuellen Album singt er in Hermeskeil nicht.