Gute Zeiten für Lyrik

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

31.10.2001

Quelle

Bonner Rundschau

Autor / Interwiever

Claudia Wallendorf

Er ist wieder da - musikalisch, präsent, vital wie eh und jeh. Unverwüstlich möchte man fast sagen, wenn dieses Wort im Zusammenhang mit Konstantin Wecker nicht ein wenig zu posenhaft klänge.

Denn der Mann ist keine Diva, sondern ein politscher Sänger. Eine aussterbende Spezies, die jedoch zu keinem Zeitpunkt anachronistisch wirkte. Die Tour 2001 führte Wecker und seine Band am Montagabend in das sehr gut besuchte Brückenforum in Beuel.

"Vaterland" hat Wecker seine neue CD genannt. Viel davon gab es zu hören. Mit "Vaterland", der geistreichen Abrechnung mit einem missbrauchten Begriff eröffnete er auch das Konzert.

Und gab gleich ein eindrucksvolles Beispiel für die kongeniale Entsprechung von Wort und Text, der gelungenen Vertonung des artikulierten Unbehagens.

Überhaupt die Musik: Rockiger klang es, wenn Wecker seine alten Lieder in neuem musikalischen Gewand präsentierte. Das liegt wohl an der jungen Band: Jo Barnikel (Klavier, Fender Rhodes und Keyboards), Gerd Baumann (Gitarren), Jens Fischer-Rodrian (Gitarren und Percussion) und Sven Faller (Kontra- und E-Bass).

Exzellente Musiker allesamt, mit denen sich wunderbar improvisieren ließ, und das in jeder Stilrichtung, beispielsweise beim "Wehdam" dem bayrischen Blues.

Burlesk kam "Wenn die Börsianer tanzen" über die Rampe, Anklänge von Jahrmarktsmusik. Auch einen furiosen Stilmix hatte Wecker im Programm der "Experte" in spöttisch moderner Version.

Überhaupt das Alter: Ihm zollte Wecker Tribut, selbstironisch und souverän mit dem Lied "I werd oid". Gleichwohl zeigte er bei seinem Auftritt keine altersbedingten Verschleißerscheinungen. Und als ihn tatsächlich das Gedächtnis mal bei einer Strophe im Stich ließ, machte Wecker sich und dem Publikum daraus einen Spaß.

Überhaupt die Texte: Kritisch ist Wecker und politischer den je. Sein Dialog mit "Willy" geriet zu einer flammenden Anklage gegen das, was sich zurzeit auf der politischen Bühne abspielt. Das Frappierende: Der Zorn kann der lyrischen Kraft nichts anhaben, beflügelt sich gleichsam. Als seien stürmische politische Zeiten gute für Lyrik.

Ein mitreißend-hinreißendes "Questa nuova realtà" stand dann am Beginn eines zugabenreichen Finales, bei dem Wecker noch einmal die ganze Bandbreite seiner Musik und seiner Texte zeigte: Ob er vom Sommer singt, der nicht mehr weit ist oder "Amerika" - politisch völlig unkorrekt - kritisierte.

Nun war sie auch wieder zu spüren, die pure Lebensfreude, die bei diesem gut zweieinhalb Stunden dauernden Konzert doch ein wenig im Hintergrund stand.

Den "Liebesdank" sang Wecker ganz zum Schluss: "So atmest du in jedem meiner Lieder..." Auch Wecker selbst ist ganz wahrhaftig in jedem seiner Lieder. Das hat das Publikum gespürt.