Der neue, alte Wecker

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

01.11.2001

Quelle

Basler Zeitung

Autor / Interwiever

Boris Schibler

Eigentlich hätte sich in den über dreissig Jahren seiner Bühnenkarriere nicht viel verändert, leitete Konstantin Wecker sein "Vaterland"-Konzert im Lörracher Burghof ein. "Ich singe, weil ich ein Lied hab´", zitierte er sich selbst und fügte etwas später augenzwinkernd an, dass sich seine Lieder alle so sehr gleichen würden, dass er selber manchmal den Überblick verliere. Also ganz der alte Wecker, der da vor sein Publikum trat? Ja und nein. Noch immer sind seine politischen Lieder voll von spitzen Stacheln und seine Liebeslieder besitzen seit jeher jene unverbrauchte Zärtlichkeit. Nicht nur in den neuen Arrangements, sondern im musikalischen Spektrum seines Programms, in seiner Selbstironie, und dass er manche Stücke in "peppiger" Form vorträgt, zeigen sich auch neue Seiten des Münchners.

Die Musik

Immer noch begleitet er sich in bester Liedermachermanier selber am Klavier, doch das Instrumentale erhält grösseres Gewicht, seine Mitmusiker treten stärker in den Vordergrund. Konstantin Wecker hat vier junge Männer um sich geschart, die schlicht begeistern. Den Pianisten und Keyboarder Jo Barnikel, die Gitarristen Gerd Baumann und Jens Fischer-Rodrian, der auch noch Schlagzeug spielt, und Sven Faller am Bass würde man sich auch ohne den Sänger anhören. Dieser räumt ihnen in seinen Stücken denn auch reichlich Platz für solistische Einlagen ein.
Das Resultat ist eine Musik mit starken Jazzelementen, einige Stücke sind reiner Blues, der übrigens, wie man erfährt, in Bayern erfunden wurde - dort nennt man ihn "Wehdam". Daneben spielt man sich durch alle möglichen Stile und karikiert deren Klischees. Das Stück über den Krieg als gutes Geschäft kommt als Tango im Stil der 60er Jahre - Hazy Osterwald lässt grüssen. Ein Lied von Hanns Dieter Hüsch swingt und das mit Dieter Hildebrand geschriebene "Ihnen fehlt der Experte" ist neu als House-Rap-Mix arrangiert. Dabei legt Wecker tanzend eine Sohle aufs Parkett, die sich gewaschen hat; diesbezüglich hält er mit den Kids Schritt.

Die Worte

Nur wenig zuvor hat er noch "I wer alt" gesungen und darüber sinniert, wie es doch unbequem ist, nachts mehrmals "zum Pieseln" zu müssen und wie deprimierend, wenn einen die Mädchen, denen man nur noch aus Gewohnheit nachschaut, schon gar nicht mehr bemerken. Voll heiterer Ironie sind seine Selbstbetrachtungen, ob er nun den "Wehdam" hat, oder sich angstvoll ausmalt, dass sein Sohn Moderator beim Privatfernsehen werden möchte. Ganz anders wenns politisch wird: noch immer ist Konstantin Wecker zornig und sarkastisch, aber auch differenziert, wie in "Vaterland", wo er dieses Ding hinterfragt. Lieder, die er vor 20 Jahren schrieb, könnten ebenso gut vor wenigen Monaten entstanden sein. Mit unverminderter Eindringlichkeit ruft er zum Widerstand auf, beklemmend das Zwiegespräch mit "Willy" über die Ereignisse der letzten Wochen. Eine eigentümliche Kraft haben Weckers Balladentexte.
Die Worte hüllen einen in raue Geborgenheit, die Sprache ist herb und prall, sie erzählt von der Schönheit des Elementaren. Da schmeckt man mediterranes Licht, da schimmert ein unausgegorener junger Wein. Selbst wenn er die November-Melancholie besingt, das Gefühl, einen kratzigen aber wärmenden Wollschal umgelegt zu bekommen, erzeugen Weckers Lieder viel Atmosphäre. Die alten wie die neuen.