Etwas

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

02.11.2001

Quelle

Schwarzwälder Bote

Autor / Interwiever

Angela Mayer

Von Hermann Hesse hieß es, er könne einen kühlen Sommerabend nicht nur beschreiben, sondern den Leser bei der Lektüre zum Frösteln bringen. Konstantin Wecker schafft Ähnliches. Nur konzentriert sich "der" deutsche Liedermacher dabei nicht vornehmlich auf die Schönheiten der Natur wie Hesse, sondern gräbt sich tief in seine eigene Seele, - bisweilen verwundert über das, was sich dort findet - vertont die Zeilen und schleicht sich damit direkt in die im Alltag verloren gegangenen Gefühlswelten der Zuhörer.

Am Mittwochabend gab es in der Alten Tuttlinger Stadthalle keinen, der nicht kurz inne gehalten hätte, als Wecker vor 600 Leuten seine Meinung zum 11. September kundtat. Gewohnt kämpferisch, nach 30 Jahren auf der Bühne immer noch ungebrochen, erinnerte er an die Millionen Sterbenden, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, an die, deren Tod sich nur in Statistiken irgendwelcher Hilfsorganisationen wieder findet.

Nach Drogen-Exzessen, einem mehr als ausschweifenden Leben eines Suchenden, scheint sich der Künstler und Mensch Konstantin Wecker jetzt langsam gefunden zu haben. Nicht, dass er aufgehört hätte, seine Stimme gegen alles aufzubegehren, das irgendwie nach Doppelmoral oder eingerosteter Institution riecht. Nicht, dass er aufgehört hätte, als Mahnender der Gesellschaft seinen Finger zu heben. Immer noch kämpft er, vielleicht etwas differenzierter, etwas hinnehmender - und ein kleines bisschen weiser. Da nützt es wenig, dass Wecker zu Beginn des Konzerts sagt, er mache keine Politik, sondern nur das, was er kann - nämlich singen. Spätestens als er die Klänge des legendären "Willy" gebraucht, um einen unverschleierten Blick in Richtung Afghanistan zu werfen. "Keinem Volk ist zu wünschen, dass es die Taliban als Regierung hat. Aber musste man sie denn zuerst mit Waffen ausrüsten, um sie jetzt zu bekämpfen?"

Seine neue CD "Vaterland", die er bei der jetzigen Deutschland-Tournee vorstellt, verzaubert nicht nur mit durchdringenden Melodien, sondern stellt wieder einmal die deutsche Gesellschaftsordnung in Frage.

"Musst Du jetzt nicht dein Programm ändern?", hatte man den bayerischen Liedermacher nach den Ereignissen des 11. September gefragt. Doch Wecker wäre nicht Wecker, würde er sich nicht einmischen, nicht aufrütteln, nicht hinterfragen - auch wenn er damit nicht dem grenzenlosen "Ja" der deutschen Regierung zu allen amerikanischen Aktionen folgt. Was bleibt? Ein Abend, der viele im Innersten rührt - den Zuhörer aufschreckt, anregt, in Zeiten der Spaß- und Konsumgesellschaft einfach einmal wieder Hirn und Herz einzuschalten.