Seele statt Sprachstammelei

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

05.11.2001

Quelle

Augsburger Allgemeine

Autor / Interwiever

Josef Karg

Er ist einer der wenigen aus der deutschen Liedermachergilde, der auch heute noch selbst größere Konzertsäle wie das Ulmer Congress-Centrum weitgehend füllt. Konstantin Wecker meldet sich auf den großen Bühnen der Republik zurück. Nach Ausflügen zu Brecht und in die Welt der Kindermusik, nach Drogenprozess und dem Rückzug ins Familienleben setzt er mit der neuen CD "Vaterland" und dem gleichnamigen Live-Programm einen gewagten Gegenpol zum unpolitischen Zeitgeist. Nachdenklich, tiefgründig, ironisch - Wecker ist der Alte geblieben. Und doch erfindet er sich - diverse Male (künstlerisch) tot gesagt - stets aufs Neue.

Die Leitmotive des mittlerweile 54-Jährigen sind bekannt: Toleranz statt Hass und Gewalt. Seit Jahrzehnten schon kreisen seine Gedanken immer wieder um den Begriff Vaterland. Auch der Dialog mit seinem Alter Ego "Willy" über aktuelle politische Themen (Sind die militärischen Attacken der USA in Afghanistan ein gerechter Krieg?) geht weiter ebenso wie der Rock´n´Roll über den dummen Bub. Wecker war seit langem nicht mehr so herzerfrischend negativ. Er besingt die "November"-Melancholie, erzählt von Depressionen und vom "Wehdam" ("...so blau wie heute hat´s mich nie gebluest."). Und das Paradoxe - es klingt nicht wehleidig. Wecker live tut einfach gut. Er ist authentisch geblieben und verkörpert eine Art musikalische und sprachliche Insel in einer Welt, in der sich immer öfter nur das pure Nichts selbst inszeniert: Poesie statt Plastikpuppen, Seele statt Sprachstammelei. Er sei beflügelt gewesen von der Tatsache, dass sich die Spaßgesellschaft selbst ad absurdum führt, schreibt er im Beiheft.

Wieder mehr Tiefgang

Man hört es den Stücken an, die mehr Tiefe ausstrahlen als so manches seiner schnell gestrickten Werke aus der jüngeren Vergangenheit. Fast drei Stunden lang präsentiert er alte und junge Lieder. Sie sind neu arrangiert und meist getragen von überwiegend flächigen Keyboard-Klängen, Piano und Gitarren greifen wunderschön ineinander. Punktuell eingesetzt wird der altbekannte Falsettchor, Bläsereinsätze sind reduziert zu schmückendem Beiwerk. Wecker macht es seinem mit ihm in Würde gealterten Publikum bewusst nicht immer leicht. Er verzichtet auf die meisten seiner "Mitgröllieder", setzt auf musikalische Zwischentöne, gibt Schrägem und Improvisation wieder mehr Raum.

Begleitet wird der Liedermacher von einer kleinen, aber feinen Band, deren Mitglieder mindestens zwei Instrumente beherrschen. Pianist Jo Barnickel, Gitarrist Gerd Baumann, Percussionist Jens Fischer-Rodrian - vor allem aber Sven Faller mit einem herrlich dynamisch gespielten Kontrabass sorgen dafür, dass frischer Wind in manch ältere Nummer kommt. Und während der gern als barocke Figur beschriebene Münchner abseits ausgelatschter Pfade nicht mehr ganz so heftig wie früher die Tasten bearbeitet, die US-Politik ebenso wie den Zeitgeist pointiert in Frage stellt, vergeht die Zeit wie im Flug: Schön war es wieder beim Wecker, denkt man sich hinterher. Und doch hat sich etwas Entscheidendes verändert: Früher verließ man den Konzertsaal im Glauben, die Welt durch Utopien verändern zu können. Heute fühlt man: Schön wäre es schon, es zu können, aber...