Abrechnung mit dem Ungeist der Zeit - Konstantin Weckers gigantisches

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

05.11.2001

Quelle

Mainpost

Autor / Interwiever

Max Schmidt

Als die gut 1000 Besucher im Franconiasaal des Congress Centrums Würzburg fünf vor elf vehement gegen das aufflammende Saallicht anklatschten, setzte sich Konstantin Wecker doch noch einmal ans Klavier. Mit der achten Zugabe, "Liebesdank" von der CD "Vaterland", verabschiedete er sich von einem begeisterten Publikum, das während der drei Stunden einen etwas ruhiger gewordenen "Seelensänger" - so beschreibt ihn treffend das Programmheft - erlebt hatte.

Gleichwohl hat Wecker nichts an analytischer Schärfe in der Beschreibung der öffentlichen Befindlichkeit und der politischen Vorgänge eingebüßt. Doch er nimmt sich mehr Zeit zum eher introvertierten Singen und Spielen, gestattet sich und seinen vier exzellenten Mit-Musikern Jo Barnikel, Gerd Baumann, Sven Faller und Jens Fischer, allesamt Multi-Instrumentalisten, vermehrt Ausflüge ins weite Land der Improvisation.

Doch dann bringt er immer wieder die Dinge recht massiv auf den Punkt, steigert sich zu geradezu ekstatischen Ausbrüchen am Flügel und beweist seine Affinität zu urwüchsigem Jazz und Rock. Er pflegt den Scat-Gesang und taucht ein in den Blues, dessen bayerische Spielart, den "Wehdam", er als melancholisches, vom Leiden und Beleidigtsein kündendes Klagelied bei Oskar Maria Graf, diesem urwüchsigen Starnberger Schriftsteller, entdeckt hat. Weckers Parallele zum Heute könnte ebenfalls von Graf stammen: "Wenn mer solang unterm Stoiber lebt, da kriegt mer den Blues . . ."

Grandios ist die Ballung der drei Titel unmittelbar vor der Pause. Auf die szenisch aufgemotzte Power-Pop-Version des drastisch-ironischen "Fachmann" ruft er seinen "Schatz" auf, nicht zu verzagen, sondern zu widerstehen, und im allein intonierten "Willy III" erläutert er 24 Jahre nach der Original-Hymne auf den erschlagenen 68er-Freund, wogegen es dieser Tage zu widerstehen gilt. Indem er dem toten Willy von Afghanistan erzählt, von der "medienwirksamen Trauer" weltweit, vom "Trauer-Management", ruft er alle zum Nachdenken auf. Und unterstreicht dies im Finale vor dem großen Zugaben-Block durch ein hämmerndes "Sage nein!" wider die Neo-Nazi-Dummheit.

Am Sonntagabend stand der Kissinger Regentenbau auf dem Tourneeplan. Dafür gab es zumindest in Bad Kissingen keine Karten mehr. Ebenfalls beste äußere Bedingungen, also, für eine weiteres gigantisches Weckerleuchten!