Eine eigentümliche Kraft

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

06.11.2001

Quelle

Mainpost

Weckers aktuelle Vaterland-Tour, bei der er jetzt auch in Bad Kissingen gastierte, bestätigt alte Widersprüche: Am Ende bleibt ein Publikum zurück, das trotz der eigenen Sattheit, die sich an Eintrittspreisen messen lässt, am heftigsten applaudiert, wenn Wecker gerade gegen Sattheit zu Felde zieht.

Weckers Konzerte waren schon immer auch Lektionen in Sprache. Sein Deutsch und seine Lyrik bohren sich wie Pfeile in Hirn und Herz. Dabei ist ihm die Musik in allen Stilrichtungen ein willkommener Partner, der die Botschaft trägt, ohne sie zu verwässern.
Geblieben ist Wecker die Art und Weise, wie er seine Stücke präsentiert: Der Mund hat direkten Kontakt zum Mikrophon, sein rollendes "R" sucht seinesgleichen und die Augen werden zu Schlitzen, wenn er von Liebe oder Tod, von Zärtlichkeit oder Gewalt singt.
Im ausverkauften Regentenbau erschreckte der wort- und stimmgewaltige Poet mit Liedern, die zum Teil bereits vor zwei Jahrzehnten entstanden sind und noch heute den Nagel auf den Kopf treffen. Nostalgie wallte auf, die sich aber durch den textlichen Bezug zur Wirklichkeit in stilles Unbehagen wandelte. Anders dagegen seine Liebeslieder wie Noch lädt die Erde ein oder Wenn der Sommer nicht mehr weit ist - Balladen von unvergänglicher Schönheit.
Trotzdem ist Konstantin Wecker vor allem ein politischer Mensch, der am Klavier sitzt, der anklagt und mit lautem Nachdenken Brücken zwischen seinen Liedern spannt. So fordert er Courage gegenüber der staatlichen Obrigkeit, Wachsamkeit auch beim besten aller Staatssysteme, kritisiert einen von der Rüstungsindustrie gesteuerten Kreislauf der Waffen oder überzieht die Börsenhörigkeit mit Bosheiten zu Rummelplatz-Musi.
Mit charismatischer Ausstrahlung singt Wecker gegen Stammtisch-Dummis mit Zigeunervorurteilen an, stellt sich an Willis Grab und argumentiert gegen den Nach-Terror des 11. September, der Tod und Verderben bringt, und seziert fast genüsslich die Bedeutung von Vaterland.
Eine eigentümliche Kraft haben Konstantin Weckers Texte selbst in der melancholischen Blues-Ballade übers Wehdan oder in dem selbstironischen I werd oid. Immer noch begleitet Wecker sich in bester Liedermacher-Manier oft selbst am Klavier.
Außerdem hat er vier junge Musiker dabei, die ihn fast noch älter erscheinen lassen und dem Instrumentalen beim Auftritt ein größeres Gewicht gegeben. Jo Barnickel, Gerd Baumann, Jens Fischer-Rodrian und Sven Faller zeichnet Lust am Musizieren aus, was sich nicht nur in den sieben Zugaben widerspiegelt. Sie reagieren auf kleine Gesten, wechseln den Rhythmus und lassen sich von ihrem Meister inspirieren.
Gespielt wird Blues und Jazz, Klezmer und ganz viel Wecker. Und der selbst verjüngt sich in der Formation - so tanzt er zu Dieter Hildenbrands Vorlage Ihnen fehlt der Experte, um danach seine mangelnde Kondition zu beklagen, oder bietet in der Zugabe einen Rap, wobei er mit Selbstironie den fehlenden Text beklagt - man ist ja schließlich nicht mehr der jüngste.