Berserker in Bewegung

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

13.10.2001

Quelle

Kölner Stadt-Anzeiger

Autor / Interwiever

Steffen Könau

Ein Jahr nach seiner Verurteilung wegen Drogen schreibt Konstantin Wecker wieder Lieder, aber mit anderer Grundstimmung als früher.
Widerstand ist zwecklos, Konstantin Wecker weiß das genau. Wo das Klavier nun schon in der Ecke steht, muss er auch spielen. Doch was heißt spielen! Spielen, Klavier und Konstantin Wecker sind Worte, die zusammenpassen wie Keuschheit, Gesang und Boris Becker: Wenn der Ur-Bayer loslegt, dann wringt er Noten aus den Tasten, die Saiten jammern und der Boden biegt sich, als wolle er am liebsten fortlaufen. "Genug ist nicht genug", singt es dann dröhnend, "wer nicht genießt, ist ungenießbar."

Wecker genießt Apfelschorle. Spielt mit einer Brille, die modisch blaue Gläser hat. Und krümelt nachdenklich eine Zigarette leer. Dabei raucht er doch eigentlich noch; sozusagen das letzte Laster des Mannes, der bis vor ein paar Jahren der Popstar unter den Liedermachern war. Und dann schneller und tiefer abstürzte als jeder andere. Wecker schluckte und schnupfte, rauchte und soff, er zog Kokain kiloweise durch die Nase, kiffte und wurde nachts wach, weil der gepeinigte Riesenkörper brennend nach Nachschub verlangte.

Konzerthallen blieben leer
Es ist der November 1995, als die Polizei vor seiner Tür steht und ihm, wie er heute sagt, "das Leben rettet". Damals allerdings ist der Fall bodenlos. Wecker - immer aktiv gegen das Böse und gegen die Bosse, immer engagiert für das Gute und den Frieden - steht plötzlich da als charakterloser Kerl, dessen Lebenshorizont noch stets an der nächsten Koks-Linie endete. Die Konzerthallen bleiben mit einem Mal halbleer, die Veranstalter drängeln sich nicht mehr um Termine mit dem Klavier-Kämpfer. Dafür drücken Gerichtstermine und Schulden.

Soviel Last verkraftet kein Karrierebuckel. Nach dem "Tag X" wie er es nennt, arbeitet Konstantin Wecker zwar weiter. Während die Staatsanwaltschaft ermittelt, macht er Kinderprogramme. Während die Gerichtsverfahren ins Laufen kommen, schreibt er Musik für "Jim Knopf". Und zwischen Urteil und Berufung geht er sogar mit einem Brecht-Programm auf Tour.

Aber eigentlich ist Konstantin Wecker verstummt. Mit dem Kokain hat sich auch die Kreativität verabschiedet, über die der Texter, Komponist und Schauspieler im Überfluss verfügte, seit er mit sechs Jahren gemeinsam mit seinem Vater "La Traviata" geschmettert hatte. "Es kamen einfach keine Texte mehr an", sagt er, "alles war nur Bewältigungskrampf."

Für einen wie Wecker, der Rilke verehrt, ein frustrierender Zustand. "Ich hatte Angst, dass die radikale Änderung in meinem Leben eine Lähmung in der Kunst bewirkt." Schon sah das Schwergewicht des kritischen Gesangs sich in einem Teufelskreis gefangen: Nicht existieren zu können ohne das Schreiben. Und nicht schreiben zu können ohne Drogen.

Wecker hat dann gewartet. Er hat seine heutige Frau Annik geheiratet, die jahrelang einer seiner größten Fans war. Und er ist Vater geworden. Er ging mit Hannes Wader auf Tour, ist noch einmal Vater geworden, komponierte ein Kindermusical schrieb und ein Buch zur Drogenpolitik. Nur die Blockade, die wollte nicht weg. "Dabei war mir längst völlig erklärlich, was mit mir geschehen ist", versucht er eine Analyse, und die Blauaugen blinkern. Immer Erfolg zu haben als der temperamentvolle Charismatiker habe ihn selbstherrlich gemacht. Der souveräne Sänger, inwendig nur ein Mann, der allen gefallen will.
"Ich fing an, nicht mehr zu sein, was ich bin." Stattdessen spielte Konstantin Wecker, der seine Künstlerkarriere mangels anderer Angebote als Porno-Darsteller begann, immerfort Theater: "Ich war eine Selbstkopie, vital, laut und bis obenhin gedopt."

Die Zeit in der Untersuchungshaft ist kurz, hart und heilsam. "Ich war nie zuvor so nah bei mir wie in meiner Zelle", beschreibt der Mann im schwarzen Hemd. Isoliert von der "falschen Wirklichkeit" steht der Sänger vor den Trümmern seiner Existenz. Schonungslos habe er sich seinen Dämonen gestellt, greift Wecker zu großen Worten, und das "R´" rollt ihm ratternd von der Zunge. "Vor mir stand die Frage nach einem Sinn, nach einem eigenen Weg."

Konstantin Wecker hat gesucht. In der Stille, die er sich jeden Morgen eine Stunde lang auferlegt. In einem Kloster, in das er für einige Wochen einzieht, "um Gott in mir selbst zu finden". In einem Berliner Hospiz, in dem er Kranke beim Sterben begleitet. Im Buddhismus schließlich, im Anti-Globalisierungskampf und in der Abrechnung mit dem neoliberalen System.

Irgendwann ging wieder etwas. Beim Klimpern am Klavier waren da halbe Verse zuerst, dann ganze Zeilen. "Lieder aus dem Nichtdenken" nennt Wecker es; Lieder, die sich selbst schreiben. Die heißen jetzt "Wenn die Börsianer tanzen" oder "Amerika", und gemeinsam ist ihnen ein Gefühlsgemisch aus Zorn, Zynismus und offensiver Traurigkeit.

Lieder, nach denen man nicht tanzen kann. Lieder, die "endlich Themen ansprechen, an die ich mich früher nie gewagt hätte", sagt Wecker.
Dass sein neues Werk "Vaterland" kaum eine Chance im Radio haben wird, quittiert er mit einem Lächeln. Die Züge des breitschultrigen Bajuwaren sind schärfer geworden, seit ihn nicht mehr Unmengen Bier aufschwemmen wie den späten Elvis. Wecker wirkt fit wie früher, ein Berserker in steter Bewegung, der Selbstzweifel mit einem Schulterzucken abzuschütteln vermag.

Wecker will wieder kämpfen. "Da draußen". Diesen Eindruck zumindest hat er zuletzt in seinen Konzerten gewonnen, "wartet doch eine ganze Generation von jungen Leuten nur darauf, sich wieder für eine Sache einsetzen zu können". Genug der Tage, in denen "die Kids sich ihre Schwermut mit dem Handy wegtelefonierten". In denen "es schick war, mit Reichtum anzugeben". Genug geprotzt, gelangweilt, genug herumgereist. Konstantin Wecker wittert Morgenluft für eine neue Innerlichkeit, eine kommende Konjunktur für Inhalte und Engagement.

Er wird dabei sein, wenn es los geht, ist neuerdings Mitglied bei der Anti-Globalisierungskampagne Attac. Nicht dass der 54-Jährige noch an die Veränderbarkeit der Welt durch Wecker-Lieder oder Protestdemonstrationen glauben würde. "Das habe ich nie", sagt er und lehnt sich vor, dass ihm das beige Cordjackett in die Schultern beißt. Aber die Kraft der Kunst, die sei real, die greife ihn mit großen Händen bei jedem Konzert.

Lieder, die Mut machen

Wecker blinzelt. Er spricht davon, wie Lieder Mut machen, wie sie die wenigen Einzelnen zusammenführen, die sonst nichts voneinander wüssten. Er stehe dann da oben auf der Bühne und singe um sein Leben, "der Letzte vom alten Schlag", wie er meint.
Und unten die lauschen ihm wie früher, wenn er seinen alten Kumpel "Willy" noch mal ausgräbt, den Kommunisten, den seinerzeit ein paar Nazis mitten in einer deutschen Stadt erschlagen haben. Willy muss sich heute Weckers zornigen Monolog über neue Reiche und alte Feinde anhören.

"Ich hasse die Moral" spricht Wecker dann, "denn immer wenn die Moral ins Spiel kommt, steht ein handfestes finanzielles Interesse dahinter." Die Augen des Sängers blitzen blassblau, die Stimme knarrt, die Rs kullern ihm aus dem Mund. Wecker singt wieder. Atmet schnaufend. Schimpft, stöhnt und leidet. Ein Schwergewicht auf dem dünnem Eis der echten Gefühle.
Nicht klug geworden sei er ja bei alledem, sagt Konstantin Wecker, sondern nur ein bisschen weiser. Von Glück mag er nicht sprechen. Von Unglück auch nicht. "Doch es mehren sich die Momente der Gewissheit, dass sich alles richtig fügt."