Konstantin Wecker probt den Tourneestart im Florian-Stadl

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

13.10.2001

Quelle

Süddeutsche Zeitung

Andechs - Wer glaubte, sein Programm würde sich in Reminiszenzen an bereits Bekanntes und für gut Befundenes erschöpfen, der wurde mit einem mitreißenden Konzert eines Besseren belehrt. Ganz unprätentiös setzt er sich an den Flügel und singt eine brandaktuelle Ballade über die politische Jetztzeit, die nach dem 11. September: "Es herrscht Krieg, und nichts hat sich geändert, es sei denn wir ändern uns." Es herrscht atemlose Stille, bis sich die Spannung in spontanem Szenenapplaus entlädt. Hier ist endlich mal einer, der sagt, was er denkt und das auf unglaublich authentische und so menschliche Weise.
Konstantin Wecker ist vor dem Auftakt seiner Deutschlandtournee im ausverkauften Andechser Florian-Stadl zu Gast. Wecker, der sich schon vor 30 Jahren mit seinen Liebesliedern in die Herzen seiner Fans eingebrannt hat, ist sich treu geblieben. Er wirkt wie ein in die Jahre gekommener Jüngling, nachdenklich und vielleicht ein bisschen weiser. Er kokettiert mit seinem Alter, betrachtet sich ironisch selbst im Spiegel und seine Generation, die der Altachtundsechziger, gleich mit. Da bleibt kein Auge trocken, die Zuhörer sind quer durch die Reihen begeistert. Der berühmte Funke ist längst übergesprungen, das Feuer lodert. Wecker fesselt sein Publikum, er zieht es hinein in seine poetischen Texte, drangsaliert es mit seiner kraftvollen Wut, schmeichelt ihm mit seinen melancholisch-sentimentalen Liebesballaden und macht es nachdenklich mit seinen Gedanken über den Tod.
Die Weckerschen Melodien, mal jazzig mal groovig, mal bluesig und mal chansonartig hüllen sich wie eine Decke mal lieblich und melodiös, mal kämpferisch und dramatisch um seine Texte. Vier junge, sehr ambitionierte Musiker, Jens Fischer (Gitarre/Percussion), Jo Barnikel (Keyboard), Gerd Baumann (Gitarre) und Sven Faller (Bass) stehen dem Liedermacher zur Seite und improvisieren mit ihm aus Leibeskräften, wenn Weckers Lust am Spielen mit ihm durch geht. Kein Firlefanz und keine Fisematenten stehen zwischen Wecker und seinem Publikum. Er bleibt einfach Mensch, verletzlich und fragil, mit Ecken und Kanten mit Höhen und Tiefen und trifft damit pfeilgenau in die Seelen seiner Zuhörer. Doch ist er nie einer, der sich selbst beweihräuchert, er bleibt allgemeingültig, zaudernd, fragend, kritisierend, protestierend.
Die Farben der Scheinwerfer wechseln mit den Stimmungen, auch eine Prise Schwermut fehlt nicht im Repertoire. Mit einem Augenzwinkern zitiert er Schopenhauer, Kästner und Rilke, er lässt die Börsianer im schrägen Dreivierteltakt zum Endzeitreigen antreten und besingt pathetisch das "Vaterland", das er auch zum Titel seiner neuen CD gewählt hat. Das Publikum dankt ihm für seine Visionen und Utopien mit frenetischen Applaus. Die Zugabe wird zum Selbstläufer - atemlos bricht sich die Lust am Spielen noch einmal Bahn.
Ein furioses Konzert für "alle, die mit dem Herzen denken." Beschwingt und nachdenklich strömt das Publikum nach drei kurzen Stunden, irgendwie wie von innen leuchtend, in die Kühle des spätherbstlichen Abends hinaus.